Geschichte der Handarbeit

Eine Bloggerin schrieb einen guten und interessanten Beitrag über Handarbeiten, ihre mutmaßliche Geschichte, Entstehung, Intention, und ihre heutige Bedeutung als unter anderem Selbstfindungsmethode junger und alter Menschen. (link siehe unten) Der Text ist so gut, die Kommentare dazu so voller guter Gedanken und Ansätze, daß ich sie gebeten habe, ihre Text auszugsweise hier veröffentlichen zu dürfen, begleitet von meinen eigenen Worten. Danke!

Auf diese Weise habe ich Handarbeiten (im klassischen Verständnis – Sticken, Stricken, Nähen) noch überhaupt nicht gesehen – als Mittel zum Zweck, junge Mädchen und Frauen davon abzuhalten, eigene Gedanken und Aktivitäten zu entwickeln, um sie zu unterdrücken und im Zustand des Zweifels über ihre eigenen Fähigkeiten zu halten.

Kein Wunder, da sich junge Frauen mit ihren Stricknadeln, Nähmaschinen und Stoffballen politisch, feministisch, ja geradezu umstürzlerisch fühlen!

Obwohl sie das eigentlich nicht müßten – denn sie bekommen genau dieselbe formale Schulbildung wie die jungen Männer, haben dieselben Möglichkeiten, zu studieren, ihr intellektuelles und kreatives Potential voll auszuschöpfen, Manager und Politiker zu werden und werden auch nicht mehr gezwungen, aus traditionellen Gründen monatelang ihre Aussteuer zu besticken (was ja zu zu Lasten der Zeit ginge, die sie vielleicht auch zum Lernen, Lesen, Diskutieren und selbst schreiben aufwenden könnten) und zuhause als Hausmütterchen zu versauern und sozusagen aus Langeweile zu sticken.

Handarbeiten anzufertigen ist zeitaufwendig und nicht eben mal nebenbei getan, genau wie es für jede andere gutausgeführte Arbeit gilt, nur ist es in unserer modernen Gesellschaft nicht so gut angesehen, bzw. die Familie trägt industriell hergestellte Kleidung. Wenn dann aber mal jemand seine Haushaltstextilien selbst herstellt, wird es geradezu als selbstverständlich angesehen, daß jemand strickt oder näht, und Kleidung und Heimtextilien anfertigt (vom Pflegen und Waschen derselben mal ganz zu schweigen).

Eine Bemerkung aus den Kommentaren beschäftigt mich am meisten: „… formale intellektuelle Bildung alles ist, was zählt. … “

Wo sind die Leistungen der Frauen, wo werden sie so gewürdigt wie die der Männer? Wären die großen Geister der Vergangenheit, die Intellektuellen, die Dichter, Stückeschreiber, Erfinder, Herrscher zu denselben Leistungen fähig gewesen, wenn sie sich außer um ihre Passion auch noch um die gewöhnlichen Dinge des Alltags hätten kümmern müssen? Essen besorgen, Kochen, Kleidung herstellen, Acker bestellen, Kinder bekommen, aufziehen, die Alten und Kranken pflegen, und so weiter und so fort? Es heißt doch – hinter jedem großen Mann steht eine Frau… die das alles per Handarbeit erledigt und von ihm ferngehalten hat. (Das gilt selbstverständlich nicht für alle, aber für sehr viele. Ebenso gab es große Frauen, die ebensolchen Support hatten, was jetzt aber nicht mein Thema ist.)

Pro und contra Handarbeit – leicht angriffslustige Gedanken:

Handarbeit – ja, aber bitte nicht hier bei uns. Das ist doch unterste Arbeit. Keinesfalls einer Erwähnung oder gar Würdigung wert. (Sarkasmus) In Bangladesh – jahaa, da sieht es doch ganz anders aus… einstürzende Hemdenfabrik hin, brennende T-Shirt-Produktion her… (Zynismus) und überhaupt – so winzige Nähte wie z.B. bei den Nicci-Schlüsselanhängern, das kriegt ein Erwachsener doch nie hin, klar muß das von Kindern, äh, 14jährigen, die sich als 18 ausgeben, genäht werden. 12, 14, 16 Stunden am Stück – kein Problem, wenn man sich vorstellt, wo die Kinder sonst landen würden?! Auf der Straße! Prostitution! Drogen! (Ironie, Sarkamus, Zynismus).

Und ein Zahnarzt – führt er etwa keine Handarbeit aus? Oder Zahnärztin, meinetwegen, oder Chirurgen, oder Klempner… deren Arbeit ist deutlich besser angesehen und gewürdigt und auch bezahlt, als die Arbeit einer beliebigen Näherin/Stickerin/Strickerin, whatever.

Jedenfalls haben dieser Post, die zugehörigen Kommentare und die letztwöchige Blog-Aufregung um koplosen Näh-Blog-Feminismus meine Ansichten verändert, erweitert und geklärt – und ich habe nun mehr Verständnis für Projekte wie Urban Knitting, yarn bombing, umstrickte Parkbänke, Bäume und Verkehrsschilder und Zebrastreifen aus Strick. Und auch für diejenigen, die sich wegen der Ansichten anderer erniedrigt und beleidigt fühlen.

Irgendwer Lust, endlich mal eine „Kurze Geschichte der Handarbeit“ – aus Frauensicht – zu schreiben? 😉

Grüße, Sathiya

Der Beitrag, der mich zu diesem Post bewog – Textauszüge aus Post und Kommentaren von hier:

http://suschna.wordpress.com/2013/04/23/wohin-das-herz-uns-treibt/  (mit freundlicher Zustimmung, Text in blau von da)

… Ich fühlte mich aber doch an eine Diskussionen erinnert, die in den Büchern über die Geschichte der Handarbeiten immer wieder auftaucht.

Der Frage nämlich, ob Handarbeiten als Beschäftigung für bürgerliche junge Mädchen eben gerade verhindern sollte, dass sie auf dumme Gedanken kommen. Oder ließen die jungen Frauen über der stumpfsinningen Tätigkeit ihren Geist in verbotene Gefilde wandern?

Handarbeitserfahrene Lehrerinnen damals schienen letzteres zu ahnen, denn die Handarbeitsstunden wurden zugleich dazu genutzt, Französisch zu üben und Geschichten vorzulesen. Auch waren Handarbeiten für Leseratten damals ein willkommener Vorwand, ein Buch lesen zu dürfen. Wenn man “sinnvoll” mit Strumpfstricken beschäftigt war, drückte Mutter wohl ein Auge zu und ließ das “unnütze” Lesen durchgehen.

Abhandlungen über die Geschichte der Handarbeiten gibt es nicht sehr viele. Und je nach feministischer Ausrichtung gehen die Schilderungen meist von der These aus, dass Handarbeiten als Unterdrückungsinstrument benutzt wurde. Das ist natürlich schrecklich verkürzt.  Gerade wenn man – wie ich –  voller Bewunderung auf die damaligen Kunstfertigkeiten schaut, wünscht man sich eine differenziertere Betrachtungsweise.

Daran wurde ich bei diesem BBC-Film über die textilen Künste in Indien  (http: //www .bbc.co.uk/programmes/b00zfmkd )  erinnert. (Zur Zeit noch auf arte+7  (http: //videos.arte.tv/de/videos/unbekannte-schaetze-indischer-kunst–7451230.html ) zu sehen).

Der Reporter reist voller Begeisterung auf der Suche nach alten textilen Techniken durch das Land. Unter anderem zeigt er auch prachtvoll  bestickte Gewänder für die Mitgift, an denen Mädchen und Frauen der Nomaden in jeder freien Minute arbeiten. Dieser Brauch wurde allerdings inzwischen unter Strafe gestellt. Die Mädchen sollen stattdessen zur Schule gehen und sich nach einer Arbeit umsehen. “Wenn man heute noch seine Kinder sticken lässt, geht das zulasten ihrer Bildung” sagt eine Mutter in dem Film.

So schließt sich der Kreis zu den handarbeitenden Bürgertöchtern in unserer Vergangenheit.  Gerade lese ich die Tagebuchaufzeichnungen einer, der Lesen und Bildung tausendmal wichtiger war als das lästige Nähen, das aber nötig war, um die Haushaltskosten niedrig zu halten.

Die Geschichte der Handarbeit ist voller Ambivalenzen und es macht Spaß, in alten Quellen  nach Spuren zu suchen. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass die Kunstfertigkeiten wirklich verloren sind. Irgendwo wird es immer jemanden geben, der sich damit beschäftigt. Und wenn man genug Energie hineinsteckt, dann kann man auch an die alte Meisterschaft heranreichen. Diesmal dann ganz freiwillig.

Kommentare (Auszüge):

…  Aber interessant: Befreiung der Frau / Niedergang eines Kulturgutes. … Fällt es uns leichter, den Verlust “exotischer” Fertigkeiten zu beklagen als den Verlust vermeintlich stumpfsinniger Tätigkeiten, die unsere Groß- oder Urgroßmütter noch erlernten?

Spontan kommt mir angesichts dieses angeblichen “Zwangs” zur Handarbeit “um die Mädchen dumm zu halten” der Gedanke, dass diese Interpretation ja auch ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass formale intellektuelle Bildung alles ist, was zählt. Ich finde, dass bei dieser Interpretation, auch wenn sie sich selbst wohl als feministisch motiviert bezeichnet, die Leistungen der Frauen um 1900 gering geschätzt werden. Schon allein weil es erheblich komplizierter und mit mehr Planung und Voraussicht als heute verbunden war, einen Haushalt zu führen, auch mit Hausangestellten. Und das haben diese Frauen hingekriegt, ohne höhere Mathematik. Und rational betrachtet haben z. B. pseudowissenschaftliche Diskurse von Männern über die angeblichen intellektuellen Defizite von Frauen und ihre drohende “Vermännlichung”, sollten sie sich mit Wissenschaft beschäftigen, um 1900 die Frauen unterdrückt und Bildung verhindert. Nicht Stickbücher. Und wenn ich mal davon ausgehe, dass sich im frühen 19. Jh. die meisten Männer ebensowenig wie heute für kunstvoll gestickte Bildchen des Vesuvs interessiert haben, dann fände ich es schon merkwürdig, wenn solche Handarbeiten ausgerechnet als ein Unterdrückungswerkzeug des Patriarchats gesehen werden. (Nach diesem Argumentationsmuster könnten Technikgadgets und Fussball dann subversive und sehr, sehr erfolgreiche Strategien der Frauen sein, um Männer ruhigzustellen und währenddessen den Umsturz zu planen).

Ich wehre mich dagegen, dass das alles, was Frauen an wunderbaren textilen Werken geschaffen haben, als weibliches Kunstgewerbe … abgetan oder als Mittel der Unterdrückung diffamiert wird.
Die wirklichen Unterdrücker waren … die Männer, das sollte man dabei nicht vergessen & Handarbeiten als Ausdrucksmöglichkeiten der Frauen in dem Rahmen, der ihnen zugestanden wurde, sehen.

… Dass der Stellenwert der Handarbeit in der Geschichte so gering aufgearbeitet ist, liegt wahrscheinlich im Wesen der Frauen selbst. Eigene Dinge werden als selbstverständlich genommen und Leistung auch noch oft in Frage gestellt. … Wieviel Frauen von verstorbenen Künstlern gibt es , die sich zur Aufgabe gemacht haben bzw. hatten, das Werk des Mannes hochzuhalten, der Nachwelt würdig zu erhalten von Stiftung bis zu Biografien etc.pp. Zeige mir den Mann, der das Werk seiner Frau öffentlichkeitsreif aufgearbeitet hat, damit es nicht vergessen wird! Arbeiten für den Ruhm anderer, das machen nur Frauen.

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Risiko-Umlegung

Dies ist eine geniale Idee von G., die als Antwort auf den (vorhergehenden) Post über Frauen und Karriere (siehe geschmacks-sache.blogspot.com) kam.

Der Einfall ist so GUT, daß ich einen Extra-Beitrag daraus mache. Hier der Kommentar:

… Denn mein Argument fuer denselben Lohn wie ein Mann in derselben Position waere schliesslich ‚aeeetsch, kann auch nicht mehr schwanger werden‘ ! Wetten, dass dann etwas herauskommt wie ‚Sippenhaftung‘ und ‚Umlegung des Risikos auf alle‘ ?! Was mich aber so fasziniert, dass ‚dies‘ wohl DOCH ueberwiegend ‚Sippenhaftung‘ dieser EINEN Geschlechtergruppe zu sein scheint, welche ABER eigentlich von den ja angeblich deswegen finanziell besser zu stellenden Herren ueberhaupt erst in ‚diese Gefahren-Situation‘ gebracht werden. Warum zum Kuckuck brauchen DIESE dann an dieser Risiko-Umlegung NICHT teilhaben? ( 😉 nur mal ‚bloed‘ andersherum gefragt)  …

Genau, mal ganz BLÖD gefragt: wieso ist da noch keiner auf diese Idee gekommen?

Ach, wegen des Grundgesetzes und der internationalen Menschenrechte, Antidiskriminierungsgesetz, Gleichbehandlungsgesetz und der männlich orientierten Ökonomie (Geld nur gegen Leistung, keine Leistung – kein Geld – ätsch; Ex-Bundespräsidenten und Berufspolitiker mal ausgenommen, aber deren Geld gegen keine Leistung ist eher sowas wie Schweigegeld, und außerdem hat man(n) das schon immer so gehandhabt). Basta.

Die liebevoll ausgetüftelten Tabellen des Bundesangestelltentarifvertrages beispielsweise berücksichtigen kein Geschlecht, wären also unisex universell und gleich. Aber sie berücksichtigen nicht den Lohnausfall der weiblichen Angestellten während der Kinderpause (das Bundes-Elterngeld lasse ich mal außen vor), der tariflich und arbeitsrechtlich gesehen wie unbezahlter Urlaub behandelt wird. Das Privatvergnügen der weiblichen Bürger dieses Landes.

Überhaupt wird Kinder bekommen und aufziehen sozialrechtlich eher wie Urlaub angesehen und behandelt. Unbezahlter. Die Rechnung wird später bei der Rente präsentiert, thank you for travelling with Deutsche Bundesrepublik, gratis ass-kick and good bye.

Um einmal G.´s Idee weiterzuspinnen: nach dieser Logik – nicht schwanger werden können = kein Risiko wegen Kinderkrankheit auszufallen = für Arbeitgeber wesentlich attraktivere Arbeitnehmerin – und damit dasselbe Lohnniveau wie ein Mann zu erreichen, wäre es für junge Frauen mit Karriereabsichten nur logisch, sich sterilisieren zu lassen und mit einem entsprechenden ärztlichen Attest zum Vorstellungsgespräch zu erscheinen. Und sie bekämen auch nicht nur keine Kinder, auch ihr Leistungsfähigkeit wäre enorm, da sie sich nicht zwischen Kindern und Job aufteilen müßten, sie würden für die Firma leben, sie könnten all ihre Kraft für den Job aufwenden. Freizeit? Ach… wird überbewertet. Ein paar Bierchen – oder da es dennoch Frauen sind – ein paar Cocktails und gut ist. Willkommen in der schönen neuen Welt. Dauer garantiert für eine Generation.

Was für eine Horrorvorstellung!

Ohnehin verzichten viel zu viele junge gutausgebildete, hochgebildete Menschen aus Karriere- und Kostengründen auf eigene Kinder, junge Paare können sich jahrelang keines leisten, und wenn sie es sich später leisten können, haben sie womöglich den biologischen Anschluß verpaßt. (Das Problem haben die unteren Bevölkerungsschichten nicht, die bekommen Kinder wie sie lustig sind… und was das für die Gesamtbevölkerung bedeutet, scheint sich keiner so genau vorstellen zu können.)

Mein Vorschlag wäre also (ganz ernstgemeint): eine vernünftige „Gefahrenumlage“ von xy-Träger zu xx-Trägerin. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, auf den gleichen Zeitraum gesehen. (Erste Anfänge sind ja schon gemacht – das Bundes-Erziehungsgeld.) Wie das genau aussehen könnte, damit bin ich jetzt überfragt, es schwebt mir halt etwas vor, was gerechter ist als das momentane System. (gerecht in dem Sinne, daß ich es ungerecht finde, daß Frauen, die Babies bekommen, dafür jahrelang auf ihr Einkommen verzichten müssen, obwohl sie eine sehr wichtige und unersetzliche Arbeitsleistung erbringen – indem sie unentgeltlich die nächste Generation großziehen.)

Wer das bezahlt ? – der Staat. Wer einfach mal so die Milliärdchen aus der Tasche zaubert, um ein bankrottes Griechenland und Zypern zu „retten“ und grenzkriminelle Ex-Bundesbeamte bis an ihr Lebensende zu alimentieren, der wird doch noch ein paar Mamas vernünftig und ausreichend entlohnen können… und das Ergebnis wird nicht annähernd so desaströs ein wie mit der „Rettung“ Griechenlands und Spaniens und wernochalles (hat eigentlich mal jemand nachgeforscht, was genau mit dem ganzen Geld passiert ist, wo genau es hingeflossen ist?!?! Das wäre doch dringend nötig – nun, da nach der „Rettung“ alles noch viiiel schlimmer ist).

Greetings, Sathiya

Text vom Blog geschmacks-sache.blogspot.com

Die Matrix-Entscheidung

von hier:   konsumrebellion.wordpress.com/2013/04/17/rote-oder-blaue-pille/   (kein Hyperlink, Text von da)

Willst du die rote oder die blaue Pille?
Überlege es dir gut.

Vermutlich kennt ihr sie alle, diese Schlüsselszene aus “Matrix”, in der Morpheus Neo vor die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille stellt. Schluckt er die blaue Pille, kehrt er zurück in die heile Traumwelt, die die Matrix für ihn konstruiert hat. Die rote Pille dagegen wird ihm die Augen öffnen für die Welt, wie sie tatsächlich ist.

Neo wählt die rote Pille und danach ist seine Welt alles andere als ein Ponyhof. Denn das, was er sieht und erlebt, ist nicht schön. Aber die Welt so zu sehen, wie sie ist, ist der einzige Weg, sie jemals zum Besseren ändern.

Auch wir haben im übertragenen Sinne jeden Tag die Wahl zwischen roten und blauen Pillen. Und auch wenn man eigentlich ein positiver Mensch ist, bedeuten die roten Pillen immer wieder mal Ärger, Wut, Frustration…  Wie zum Beispiel heute bei Nunu, die ganz berechtigt in “Flüssige Wut” geraten ist.

Wozu sich dann mit roten Pillen rumplagen?

Warum nicht das tun, was die meisten tun: Abschalten, blaue Pille nehmen und alles ausblenden, was uns nicht gefällt? Da lebt es sich doch unbeschwerter. Man konzentriert sich aufs Spaß haben, Geld verdienen, Geld ausgeben. Freut sich über die Fülle im Supermarkt, über die billigen Klamotten bei H&M und die billigen Möbel bei Ikea. Und steht nicht als blöder Spaßverderber, Nörgler, Gutmensch oder gar Verschwörungs-theoretiker da. Ja, das frage ich mich in schwachen Momenten auch manchmal.

Das Blöde ist nur: wenn man erstmal einige rote Pillen gescluckt hat, geht das nicht mehr so einfach. Was man erstmal weiß, verschwindet nicht wieder aus dem Kopf. Und macht einem die Rückkehr zum Blauen-Pillen-Leben schwer.

Und ich glaube, das ist auch gut so.

Sollte ich mich mit der Textübernahme zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, werde ich ihn auf Aufforderung wieder entfernen. Aber der Text ist gut, bringt es auf den Punkt. Danke. – Enjoy life, Sathiya

Geplante Obsoleszenz

Reblogged from geschmacks-sache.blogspot.com

Ich habe es satt, wenn sich meine Mobiltelefone pünktlich alle 3 Jahre aufhängen, weil der Akku schwächelt oder plötzlich der Chip oder Platine durchbrennt.

Ich habe es satt, wenn die modernen Laptop-, Kamera-, Telefonakkus nur noch knapp 2 Jahre halten (wenn überhaupt) und nicht mehr 5 oder 6, wie es „früher“ (TM) mal war.

Ich will nicht alle Nasen lang neue Wasserkocher (Reizthema!!) kaufen, weil der alte sich selbst eingeschmolzen hat. Oder Bügeleisen. Oder Föne. Die aus denselben Gründen indisponiert sind.

Ich will, daß mein Waschbecken 30 Jahre hält und nicht schon nach noch nicht mal 3 Jahren aussieht, als hätte ich dort jahrelang Gold drin gewaschen.

Ich will, daß mein Waschmaschine mindestens 20 Jahre hält, weil das Dingens elend schwer ist und ich keine Lust habe, alle 3 Jahre eine halbe Tonne Elektroschrott durch die Wohnung zu juckeln. Kühlschrank ebenso.

Ich will, daß mein Drucker länger als 2 Jahre hält und dazu nicht Unmengen an teurer Druckertinte verbraucht, die er überhaupt nicht bräuchte, weil die von ihm als „leer“ bemängelten Patronen noch zu zwei Dritteln voll sind.

Ich will, daß die Kleidungsstücke, die ich für gepfeffertes Geld kaufe (wenig sind es ja, zugegeben, da sollte ich wohl nicht so sein, aber trotzdem, Putzlappen kann ich woanders deutlich preiswerter kaufen), auch ihr Geld wert sind und mindestens ein Jahr halten, bei normalem Gebrauch, Tragen und Wäsche inklusive. Das gilt auch für die Stoffe, aus denen ich die restliche Kleidung mache. Für nur eine Wäsche auszuhalten ist mir außer dem Materialpreis auch meine Arbeit zu schade.

Ich will, daß wo Qualität draufsteht, auch tatsächlich Qualität drin ist, und zwar die gute alte Qualität und Warengüte wie es „früher“ (TM) üblich war. Mein Großmutter sprach immer von „Friedensware“, wenn sie die Güte der Waren meinte und die mangelnde Qualität der heutigen Waren bemängelte.

Wann wurde „das“ nur erfunden?

Mit „das“ meine ich nicht den modischen oder moralischen Verfall oder plötzliche Unbeliebtheit von Produkten oder Waren sondern die mechanische Zuverlässigkeit und damit Reparaturrentabilität wurde drastisch und mit voller Absicht herabgesetzt. Wo vor Jahren noch damit geworben wurde – „Damit haben Sie was fürs Leben!“ – letztes Beispiel Vorwerk (und diese haben sich davon distanziert, da es keinen neuen Umsatz bringt), scheint absolut aus der Mode zu sein. Wenn es nach den Gesetzen des Marktes geht, wohl für immer. Denn es müßte wohl immer so weiterlaufen, wie es bisher läuft, damit es auch so bleibt: die Leute kaufen und kaufen, immer das Neueste, dem Trend folgend, Entwicklung und Wachstum ohne Ende… bis zum großen Rumms. Tja.

Und dann sitzen sie da, bräuchten nun mal was für länger oder für immer, weil sie sich das Neueste, das Trendigste plötzlich nicht mehr leisten können, und keiner die Reparatur des Alten, Defekten bezahlen kann, es auch nicht mehr repariert werden kann, da sowas nicht vorgesehen ist – und nun?! Rumms. Steinzeit (Extremsituation, nicht empfehlenswert). Mit Handys. Mit meinem kann man beispielsweise prima Walnüsse aufschlagen… 😉

Bei der Suche nach einem passenden Begriff zu dem, was ich meinte, stieß ich auf „geplante Obsoleszenz“. Der Begriff gefällt mir. Drückt er doch genau das aus, was mir schon seit einiger Zeit nicht gefällt.

hier die Definition der wikipedia:  https: //de.wikipedia.org/wiki/Obsoleszenz

Eingebautes Verfallsdatum, plötzliches Systemversagen exakt einen Tag nach Gewährleistungszeitende, identifizierbare und absichtlich nicht gegen haltbarere Komponenten austauschbare Bestandteile, … usw. und nach Belieben usf.

Der Begriff Obsoleszenz (von lat. obsolescere‚ sich abnutzen, alt werden, aus der Mode kommen, an Ansehen, an Wert verlieren) bezeichnet, dass ein Produkt auf natürliche oder künstlich beeinflusste Art veraltet ist oder altert. Das zugehörige Adjektiv obsolet im Sinne von nicht mehr gebräuchlich bzw. hinfällig bezeichnet generell Veraltetes, meist Normen, Therapien oder Gerätschaften.

Am meisten hat mich dies umgehauen:

Als Erfinder der geplanten Obsoleszenz gilt Alfred P. Sloan, welcher in den 1920er Jahren in seiner Funktion als GM-Präsident annuelle Konfigurationsänderungen und Veränderungen an Automobilen einführte. Mit dieser Strategie wollte er die Verbraucher dazu bringen, alle drei Jahre ein neues Auto zu kaufen. Der eigentliche Begriff der geplanten Obsoleszenz geht zurück auf Bernard Londons Veröffentlichung „Ending the Depression Through Planned Obsolescence“ aus dem Jahre 1932.

und ein auch interessanter kurzer Text bei Heise:   http: //www.heise.de/newsticker/meldung/Aufstand-gegen-geplante-Obsoleszenz-1831367.html

Eine Legende! Mythos! Verschwörungstheorie!! Kann sein… aber wieso fallen dann alle meine Geräte nach 2 oder 3 Jahren auseinander und funktionieren nicht mehr, wenn sie doch von unserer so fortschrittlichen und technologisch hochentwickelten Gesellschaft entworfen, designt und gebaut worden sind? Wieso fliegt denn dann Raumsonde Voyager seit über 30 Jahren IMMER noch, und mein Kühlschrank will schon nach 4 Jahren nimmer?! Ein unerklärlicher technologischer Sprung nach – hinten? Wohin auch immer?

Grüße, Sathiya

Wo bleibt die executive version?

von hier  http ://www .strickforum.de/weblog/index.php?itemid=1411

Wer heutzutage im Berufsleben steht und gelegentlich Statistiken oder gar Präsentationen erstellen muss, der weiß: In den Unterlagen finden sich zu den verkauften Weihnachtsmännern oder Osterhasen alle erdenklichen Details, über die sich ermitteln lässt, ob die kleinen Roten oder die dicken Goldfarbenen mehr Umsatz gebracht haben, wieviel mehr Quengelware ab einer Verweildauer von drei Minuten in der Kassenschlange abverkauft wird und welche Kassiererin die meisten Lebkuchen über den Scanner geschoben hat. Das ist alles hochinteressant für den Azubi, der noch lernt, wie ein Supermarkt funktioniert.
All dieser Kleinkram interessiert aber den “Executive” in der Konzernzentrale nicht im Entferntesten. Der will wissen, wieviel Umsatz die Filiale in den letzten vier Wochen gemacht hat, wie die Quote per Verkaufs-Quadratmeter ist und welche Produktgruppen den höchsten Deckungsbeitrag dazu geleistet haben. Dafür gibt es die “executive version” des Berichts bzw. der Präsentation.

Bei den Strickerinnen ist es ähnlich.
Es gibt die Anfänger und Detailverliebten, die vor dem Anschlagen ihres Spüllappens erst noch jede Masche persönlich kennenlernen möchten, möglichst mit einem Video, das auch im ausgedruckten zwanzigseitigen PDF ohne Ruckeln abläuft. Das lassen sie sich auch gern ordentlich etwas kosten, solange sie nur das Gefühl haben, dass ihnen auch nicht das kleinste unwichtige Informationsbröckchen vorenthalten wird.

Und es gibt auch in Strickerkreisen die “executives”, die es knapp und klar bevorzugen. Sie können zwischen den Zeilen lesen und sich weggelassene Details selbständig hinzudenken. Sie können nicht nur ohne Zuhilfenahme eines Videos eine Masche wie zum Rechtsstricken abheben, sondern auch Strickmuster von flach auf rund und umgekehrt umsetzen und noch diverse weitere Kunststücke. Im Zweifelsfall reicht ihnen als “Anleitung” ein Schnitt-Diagramm, ein Muster-Diagramm und ein paar Fakten wie Material, Menge und Maschenprobe. Solche Anleitungen gab es übrigens vor 30 Jahren in fast jeder deutschen Strickzeitschrift. Sie nahmen meist weniger als eine halbe Seite ein, und man konnte fabelhaft, platzsparend und problemlos danach stricken. Auch Anfängerinnen strickten so, und mit Erfolg.

Was aber das Wunderbarste ist: Auch die moderne Strickerin kann lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Heißluft-Humbug einfach wegzulassen. Macht Euch unabhängig von zwanzigseitigen Anleitungen! Mit etwas Selbstvertrauen und ein klein wenig Übung reduziert Ihr überkomplizierte Bläh-Anleitungen auf die zwei Seiten, die wirklich darin stecken. Überlegt nur mal, wieviel Strickzeit Ihr hinzugewinnt, wenn Ihr vor dem Anschlagen achtzehn Seiten weniger durchlesen müsst. Es lohnt sich!

Und Ihr, liebe Strick-Designerinnen, die Ihr so stolz auf Eure zwanzigseitige Spüllappen-Anleitung nebst Video seid: Wollt Ihr Euch nicht einmal darauf besinnen, dass nicht alle Strickerinnen hirnamputiert sind, dass auch die unerfahrenste Anfängerin Fortschritte im Interpretieren von Anleitungen machen kann, wenn man sie nur lässt, und dass weniger oft mehr ist? Lasst doch versuchsweise mal die Blümchen, die Herzchen und die Dreifach-Erklärungen über siebzehn Seiten weg und ermuntert Eure Kundinnen, ihr integriertes Logik-Modul ruhig mal in Betrieb zu nehmen. Es funktioniert hervorragend und von Tag zu Tag (und von Anleitung zu Anleitung) besser, vorausgesetzt es wird nicht ständig von wohlmeinenden Anleitungsschreibern gestutzt, die Strickerinnen einen IQ vergleichbar mit dem einer Scheibe alten Zwiebacks unterstellen.

Ein herrlicher Text! Anwendbar auf beinahe alles aus der aktuellen Do-it-yourself-Szene: Nähen, Papierfalten, Häkeln, Stricken, Sticken, Modellieren… was alles werbe- und verkaufswirksam wissenshäppchenweise in Tausende von E-Books gepreßt wird – und teuer verkauft. Und – mir unverständlich – sowas wird auch tausendfach gekauft.

Der Text spricht mir aus der Seele. Größtes Kompliment! Sollte ich mich mit der Übernahme zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, nehme ich es wieder zurück.

Grüße, Sathiya