Geschichte der Handarbeit

Eine Bloggerin schrieb einen guten und interessanten Beitrag über Handarbeiten, ihre mutmaßliche Geschichte, Entstehung, Intention, und ihre heutige Bedeutung als unter anderem Selbstfindungsmethode junger und alter Menschen. (link siehe unten) Der Text ist so gut, die Kommentare dazu so voller guter Gedanken und Ansätze, daß ich sie gebeten habe, ihre Text auszugsweise hier veröffentlichen zu dürfen, begleitet von meinen eigenen Worten. Danke!

Auf diese Weise habe ich Handarbeiten (im klassischen Verständnis – Sticken, Stricken, Nähen) noch überhaupt nicht gesehen – als Mittel zum Zweck, junge Mädchen und Frauen davon abzuhalten, eigene Gedanken und Aktivitäten zu entwickeln, um sie zu unterdrücken und im Zustand des Zweifels über ihre eigenen Fähigkeiten zu halten.

Kein Wunder, da sich junge Frauen mit ihren Stricknadeln, Nähmaschinen und Stoffballen politisch, feministisch, ja geradezu umstürzlerisch fühlen!

Obwohl sie das eigentlich nicht müßten – denn sie bekommen genau dieselbe formale Schulbildung wie die jungen Männer, haben dieselben Möglichkeiten, zu studieren, ihr intellektuelles und kreatives Potential voll auszuschöpfen, Manager und Politiker zu werden und werden auch nicht mehr gezwungen, aus traditionellen Gründen monatelang ihre Aussteuer zu besticken (was ja zu zu Lasten der Zeit ginge, die sie vielleicht auch zum Lernen, Lesen, Diskutieren und selbst schreiben aufwenden könnten) und zuhause als Hausmütterchen zu versauern und sozusagen aus Langeweile zu sticken.

Handarbeiten anzufertigen ist zeitaufwendig und nicht eben mal nebenbei getan, genau wie es für jede andere gutausgeführte Arbeit gilt, nur ist es in unserer modernen Gesellschaft nicht so gut angesehen, bzw. die Familie trägt industriell hergestellte Kleidung. Wenn dann aber mal jemand seine Haushaltstextilien selbst herstellt, wird es geradezu als selbstverständlich angesehen, daß jemand strickt oder näht, und Kleidung und Heimtextilien anfertigt (vom Pflegen und Waschen derselben mal ganz zu schweigen).

Eine Bemerkung aus den Kommentaren beschäftigt mich am meisten: „… formale intellektuelle Bildung alles ist, was zählt. … “

Wo sind die Leistungen der Frauen, wo werden sie so gewürdigt wie die der Männer? Wären die großen Geister der Vergangenheit, die Intellektuellen, die Dichter, Stückeschreiber, Erfinder, Herrscher zu denselben Leistungen fähig gewesen, wenn sie sich außer um ihre Passion auch noch um die gewöhnlichen Dinge des Alltags hätten kümmern müssen? Essen besorgen, Kochen, Kleidung herstellen, Acker bestellen, Kinder bekommen, aufziehen, die Alten und Kranken pflegen, und so weiter und so fort? Es heißt doch – hinter jedem großen Mann steht eine Frau… die das alles per Handarbeit erledigt und von ihm ferngehalten hat. (Das gilt selbstverständlich nicht für alle, aber für sehr viele. Ebenso gab es große Frauen, die ebensolchen Support hatten, was jetzt aber nicht mein Thema ist.)

Pro und contra Handarbeit – leicht angriffslustige Gedanken:

Handarbeit – ja, aber bitte nicht hier bei uns. Das ist doch unterste Arbeit. Keinesfalls einer Erwähnung oder gar Würdigung wert. (Sarkasmus) In Bangladesh – jahaa, da sieht es doch ganz anders aus… einstürzende Hemdenfabrik hin, brennende T-Shirt-Produktion her… (Zynismus) und überhaupt – so winzige Nähte wie z.B. bei den Nicci-Schlüsselanhängern, das kriegt ein Erwachsener doch nie hin, klar muß das von Kindern, äh, 14jährigen, die sich als 18 ausgeben, genäht werden. 12, 14, 16 Stunden am Stück – kein Problem, wenn man sich vorstellt, wo die Kinder sonst landen würden?! Auf der Straße! Prostitution! Drogen! (Ironie, Sarkamus, Zynismus).

Und ein Zahnarzt – führt er etwa keine Handarbeit aus? Oder Zahnärztin, meinetwegen, oder Chirurgen, oder Klempner… deren Arbeit ist deutlich besser angesehen und gewürdigt und auch bezahlt, als die Arbeit einer beliebigen Näherin/Stickerin/Strickerin, whatever.

Jedenfalls haben dieser Post, die zugehörigen Kommentare und die letztwöchige Blog-Aufregung um koplosen Näh-Blog-Feminismus meine Ansichten verändert, erweitert und geklärt – und ich habe nun mehr Verständnis für Projekte wie Urban Knitting, yarn bombing, umstrickte Parkbänke, Bäume und Verkehrsschilder und Zebrastreifen aus Strick. Und auch für diejenigen, die sich wegen der Ansichten anderer erniedrigt und beleidigt fühlen.

Irgendwer Lust, endlich mal eine „Kurze Geschichte der Handarbeit“ – aus Frauensicht – zu schreiben? 😉

Grüße, Sathiya

Der Beitrag, der mich zu diesem Post bewog – Textauszüge aus Post und Kommentaren von hier:

http://suschna.wordpress.com/2013/04/23/wohin-das-herz-uns-treibt/  (mit freundlicher Zustimmung, Text in blau von da)

… Ich fühlte mich aber doch an eine Diskussionen erinnert, die in den Büchern über die Geschichte der Handarbeiten immer wieder auftaucht.

Der Frage nämlich, ob Handarbeiten als Beschäftigung für bürgerliche junge Mädchen eben gerade verhindern sollte, dass sie auf dumme Gedanken kommen. Oder ließen die jungen Frauen über der stumpfsinningen Tätigkeit ihren Geist in verbotene Gefilde wandern?

Handarbeitserfahrene Lehrerinnen damals schienen letzteres zu ahnen, denn die Handarbeitsstunden wurden zugleich dazu genutzt, Französisch zu üben und Geschichten vorzulesen. Auch waren Handarbeiten für Leseratten damals ein willkommener Vorwand, ein Buch lesen zu dürfen. Wenn man “sinnvoll” mit Strumpfstricken beschäftigt war, drückte Mutter wohl ein Auge zu und ließ das “unnütze” Lesen durchgehen.

Abhandlungen über die Geschichte der Handarbeiten gibt es nicht sehr viele. Und je nach feministischer Ausrichtung gehen die Schilderungen meist von der These aus, dass Handarbeiten als Unterdrückungsinstrument benutzt wurde. Das ist natürlich schrecklich verkürzt.  Gerade wenn man – wie ich –  voller Bewunderung auf die damaligen Kunstfertigkeiten schaut, wünscht man sich eine differenziertere Betrachtungsweise.

Daran wurde ich bei diesem BBC-Film über die textilen Künste in Indien  (http: //www .bbc.co.uk/programmes/b00zfmkd )  erinnert. (Zur Zeit noch auf arte+7  (http: //videos.arte.tv/de/videos/unbekannte-schaetze-indischer-kunst–7451230.html ) zu sehen).

Der Reporter reist voller Begeisterung auf der Suche nach alten textilen Techniken durch das Land. Unter anderem zeigt er auch prachtvoll  bestickte Gewänder für die Mitgift, an denen Mädchen und Frauen der Nomaden in jeder freien Minute arbeiten. Dieser Brauch wurde allerdings inzwischen unter Strafe gestellt. Die Mädchen sollen stattdessen zur Schule gehen und sich nach einer Arbeit umsehen. “Wenn man heute noch seine Kinder sticken lässt, geht das zulasten ihrer Bildung” sagt eine Mutter in dem Film.

So schließt sich der Kreis zu den handarbeitenden Bürgertöchtern in unserer Vergangenheit.  Gerade lese ich die Tagebuchaufzeichnungen einer, der Lesen und Bildung tausendmal wichtiger war als das lästige Nähen, das aber nötig war, um die Haushaltskosten niedrig zu halten.

Die Geschichte der Handarbeit ist voller Ambivalenzen und es macht Spaß, in alten Quellen  nach Spuren zu suchen. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass die Kunstfertigkeiten wirklich verloren sind. Irgendwo wird es immer jemanden geben, der sich damit beschäftigt. Und wenn man genug Energie hineinsteckt, dann kann man auch an die alte Meisterschaft heranreichen. Diesmal dann ganz freiwillig.

Kommentare (Auszüge):

…  Aber interessant: Befreiung der Frau / Niedergang eines Kulturgutes. … Fällt es uns leichter, den Verlust “exotischer” Fertigkeiten zu beklagen als den Verlust vermeintlich stumpfsinniger Tätigkeiten, die unsere Groß- oder Urgroßmütter noch erlernten?

Spontan kommt mir angesichts dieses angeblichen “Zwangs” zur Handarbeit “um die Mädchen dumm zu halten” der Gedanke, dass diese Interpretation ja auch ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass formale intellektuelle Bildung alles ist, was zählt. Ich finde, dass bei dieser Interpretation, auch wenn sie sich selbst wohl als feministisch motiviert bezeichnet, die Leistungen der Frauen um 1900 gering geschätzt werden. Schon allein weil es erheblich komplizierter und mit mehr Planung und Voraussicht als heute verbunden war, einen Haushalt zu führen, auch mit Hausangestellten. Und das haben diese Frauen hingekriegt, ohne höhere Mathematik. Und rational betrachtet haben z. B. pseudowissenschaftliche Diskurse von Männern über die angeblichen intellektuellen Defizite von Frauen und ihre drohende “Vermännlichung”, sollten sie sich mit Wissenschaft beschäftigen, um 1900 die Frauen unterdrückt und Bildung verhindert. Nicht Stickbücher. Und wenn ich mal davon ausgehe, dass sich im frühen 19. Jh. die meisten Männer ebensowenig wie heute für kunstvoll gestickte Bildchen des Vesuvs interessiert haben, dann fände ich es schon merkwürdig, wenn solche Handarbeiten ausgerechnet als ein Unterdrückungswerkzeug des Patriarchats gesehen werden. (Nach diesem Argumentationsmuster könnten Technikgadgets und Fussball dann subversive und sehr, sehr erfolgreiche Strategien der Frauen sein, um Männer ruhigzustellen und währenddessen den Umsturz zu planen).

Ich wehre mich dagegen, dass das alles, was Frauen an wunderbaren textilen Werken geschaffen haben, als weibliches Kunstgewerbe … abgetan oder als Mittel der Unterdrückung diffamiert wird.
Die wirklichen Unterdrücker waren … die Männer, das sollte man dabei nicht vergessen & Handarbeiten als Ausdrucksmöglichkeiten der Frauen in dem Rahmen, der ihnen zugestanden wurde, sehen.

… Dass der Stellenwert der Handarbeit in der Geschichte so gering aufgearbeitet ist, liegt wahrscheinlich im Wesen der Frauen selbst. Eigene Dinge werden als selbstverständlich genommen und Leistung auch noch oft in Frage gestellt. … Wieviel Frauen von verstorbenen Künstlern gibt es , die sich zur Aufgabe gemacht haben bzw. hatten, das Werk des Mannes hochzuhalten, der Nachwelt würdig zu erhalten von Stiftung bis zu Biografien etc.pp. Zeige mir den Mann, der das Werk seiner Frau öffentlichkeitsreif aufgearbeitet hat, damit es nicht vergessen wird! Arbeiten für den Ruhm anderer, das machen nur Frauen.

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Wo bleibt die executive version?

von hier  http ://www .strickforum.de/weblog/index.php?itemid=1411

Wer heutzutage im Berufsleben steht und gelegentlich Statistiken oder gar Präsentationen erstellen muss, der weiß: In den Unterlagen finden sich zu den verkauften Weihnachtsmännern oder Osterhasen alle erdenklichen Details, über die sich ermitteln lässt, ob die kleinen Roten oder die dicken Goldfarbenen mehr Umsatz gebracht haben, wieviel mehr Quengelware ab einer Verweildauer von drei Minuten in der Kassenschlange abverkauft wird und welche Kassiererin die meisten Lebkuchen über den Scanner geschoben hat. Das ist alles hochinteressant für den Azubi, der noch lernt, wie ein Supermarkt funktioniert.
All dieser Kleinkram interessiert aber den “Executive” in der Konzernzentrale nicht im Entferntesten. Der will wissen, wieviel Umsatz die Filiale in den letzten vier Wochen gemacht hat, wie die Quote per Verkaufs-Quadratmeter ist und welche Produktgruppen den höchsten Deckungsbeitrag dazu geleistet haben. Dafür gibt es die “executive version” des Berichts bzw. der Präsentation.

Bei den Strickerinnen ist es ähnlich.
Es gibt die Anfänger und Detailverliebten, die vor dem Anschlagen ihres Spüllappens erst noch jede Masche persönlich kennenlernen möchten, möglichst mit einem Video, das auch im ausgedruckten zwanzigseitigen PDF ohne Ruckeln abläuft. Das lassen sie sich auch gern ordentlich etwas kosten, solange sie nur das Gefühl haben, dass ihnen auch nicht das kleinste unwichtige Informationsbröckchen vorenthalten wird.

Und es gibt auch in Strickerkreisen die “executives”, die es knapp und klar bevorzugen. Sie können zwischen den Zeilen lesen und sich weggelassene Details selbständig hinzudenken. Sie können nicht nur ohne Zuhilfenahme eines Videos eine Masche wie zum Rechtsstricken abheben, sondern auch Strickmuster von flach auf rund und umgekehrt umsetzen und noch diverse weitere Kunststücke. Im Zweifelsfall reicht ihnen als “Anleitung” ein Schnitt-Diagramm, ein Muster-Diagramm und ein paar Fakten wie Material, Menge und Maschenprobe. Solche Anleitungen gab es übrigens vor 30 Jahren in fast jeder deutschen Strickzeitschrift. Sie nahmen meist weniger als eine halbe Seite ein, und man konnte fabelhaft, platzsparend und problemlos danach stricken. Auch Anfängerinnen strickten so, und mit Erfolg.

Was aber das Wunderbarste ist: Auch die moderne Strickerin kann lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Heißluft-Humbug einfach wegzulassen. Macht Euch unabhängig von zwanzigseitigen Anleitungen! Mit etwas Selbstvertrauen und ein klein wenig Übung reduziert Ihr überkomplizierte Bläh-Anleitungen auf die zwei Seiten, die wirklich darin stecken. Überlegt nur mal, wieviel Strickzeit Ihr hinzugewinnt, wenn Ihr vor dem Anschlagen achtzehn Seiten weniger durchlesen müsst. Es lohnt sich!

Und Ihr, liebe Strick-Designerinnen, die Ihr so stolz auf Eure zwanzigseitige Spüllappen-Anleitung nebst Video seid: Wollt Ihr Euch nicht einmal darauf besinnen, dass nicht alle Strickerinnen hirnamputiert sind, dass auch die unerfahrenste Anfängerin Fortschritte im Interpretieren von Anleitungen machen kann, wenn man sie nur lässt, und dass weniger oft mehr ist? Lasst doch versuchsweise mal die Blümchen, die Herzchen und die Dreifach-Erklärungen über siebzehn Seiten weg und ermuntert Eure Kundinnen, ihr integriertes Logik-Modul ruhig mal in Betrieb zu nehmen. Es funktioniert hervorragend und von Tag zu Tag (und von Anleitung zu Anleitung) besser, vorausgesetzt es wird nicht ständig von wohlmeinenden Anleitungsschreibern gestutzt, die Strickerinnen einen IQ vergleichbar mit dem einer Scheibe alten Zwiebacks unterstellen.

Ein herrlicher Text! Anwendbar auf beinahe alles aus der aktuellen Do-it-yourself-Szene: Nähen, Papierfalten, Häkeln, Stricken, Sticken, Modellieren… was alles werbe- und verkaufswirksam wissenshäppchenweise in Tausende von E-Books gepreßt wird – und teuer verkauft. Und – mir unverständlich – sowas wird auch tausendfach gekauft.

Der Text spricht mir aus der Seele. Größtes Kompliment! Sollte ich mich mit der Übernahme zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, nehme ich es wieder zurück.

Grüße, Sathiya

Bildungsfragen – Uni

Ein sehr guter Artikel zum Thema Hochschulbildung und Bildung. Lesen!
https://siebenhundertsachen.wordpress.com/2013/01/28/bildungsfragen
Ich würde ihn am liebsten eins zu seins auf meinen Blog übernehmen, habe aber die Autorin noch nicht gefragt, und ganz entgegen meiner sonstigen Frechheit, nehme ich mir diesmal diese Freiheit nicht heraus. Dafür steht hier mein Kommentar dazu, in voller Länge, und mit allen Rechtschreibfehlern. 😉
Ein sehr guter Artikel, der mir aus der Seele spricht.
Das Unvermögen und sogar Unwillen der Jugend, die sich für „hochschulreif“ hält (offiziell per Abiturzeugnis bestätigt) ist erschreckend, die Grundkompetenzen wie Verständnis von Zusammenhängen, Lerntechniken, Lernwillen, Lesen längerer trockener Texte so gut wie nicht vorhanden bzw. wird als uncool empfunden, gerade im Zeitalter von SMS, facebook, Studi-VZ und twitter und co.
Meine Große studiert Pharmazie – heftiges Lernfach 😉 – und auch sie berichtet unschönes. Lernen scheint nicht cool zu sein, und Selberdenken schon mal gar nicht. Redet der Vortragende zu „geschwollen“ (aus Studentensicht) oder zu schwierig, besucht man nach ein, zweimal seine Vorlesungen nicht mehr. Im Gegensatz dazu werden Lehrveranstaltungen präferiert, in denen sich der Vortragende wie der Homie zu hause anhört, leichte kurze Sätze, witzig, alles locker und easy… und die Übungsaufgaben werden zuhause aus dem Internet rundergeladen, samt Lösungen.
Ich frage mich, welchen Wert in einigen Jahren denn noch eine Hochsculausbildung hat, wenn ein Großteil der Absolventen noch nicht einmal über das Wissen eines Abiturjahrganges verfügt?
(Das ist natürlich der schlimmste Fall, und von mir maßlos übertrieben, auch will ich nicht die zweifellos vorhandenen sehr fleißigen fähigen und klugen Studenten abwerten – aber der Ausdruck Massen-Uni sagt es doch schon: Studenten als Massen-Ware. Welche Qualität können wir da noch erwarten?!)
Als Mutter eines Nesthäkchens in der 2. Klasse der Grundschule sehe ich auch zu deutlich die zunehmenden Schwächen des Systems Bildungswesen. Ich habe ein hochinteressiertes (nicht hochintelligent – hochinteressiert! 😉 ) Kind, das ich zuhause im privaten so fördere und unterrichte, wie ich es für nötig halte. Natürlich langweilt sie sich deswegen in der Schule – aber eins der Dinge, die ich zu lernen für nötig halte, ist die Fähigkeit, auch anderen etwas beibringen zu können. Nicht unbedingt nur als Lehrer, sondern als Freund. Ich beispielsweise habe etwas immer dann am besten begriffen, wenn ich es jemand anderem erklären mußte (damit meine ich nicht Vorträge halten, sondern einfach erklären). Das ist auch ein Punkt, in dem das Schul- und Bildungssystem versagt. Powerpoint &co. sei Dank.
Mich schockiert vor allem das: (Zitat) „Das Ziel des deutschen Bildungssystems ist heute vor allem: Arbeitsmarkt-kompatibler Output in möglichst kurzer Zeit.“ Das beginnt schon in Kindergarten und Grundschule, mit 40-Stunden-und mehr-Wochen schon für 3-jährige und setzt sich nahtlos bis zum Abitur fort.
Wir brauchen dringend viel mehr solche engagierten interessierten motivierten Hochschullehrer wie Dich. Und wenn es damit getan wäre, jemanden wie Dich zur Wissenschaftsministerin zu wählen, ich würde sofort für Dich stimmen.
Viele Grüße, Sathiya
(ich kenne leider keine Traum-Uni, sonst würde ich sofort was sagen. Wie wäre es mit Privat-Unis? Oder selbst eine gründen?)

 

Ein ebenfalls passender Artikel, ziemlich zynisch und auch populistisch. Heftig. Dennoch nachdenkenswert: pravdatvcom.wordpress.com/2012/10/01/ausbildung-zum-systemsklaven/

Schrei 2

inspiriert von diesem Beitrag: cat-und-kascha-rote-tupfen.blogspot.de/2013/01/es-gart-aufschrei.html  (bunter Text von da)
Ich habe jetzt eine Zeit lang überlegt, hier etwas zum Thema #aufschrei und der gerade geführten Sexismusdebatte zu schreiben. Grund ist, dass es Themen gibt, bei denen die Überschneidungen mit meinem Beruf sehr stark sind und es manchmal ungemütlich für mich ist, auf dem Grat zwischen dem DIY-Bloggen als C*** und dem Leben als komplette Person zu balancieren. Auch wenn ich den Anspruch habe, dass DIY Bloggen und gesellschaftspolitisches Bloggen bei mir zusammengehören. Aber da Gemütlichkeit an dieser Stelle nicht die entscheidende Kategorie ist, werde ich trotzdem dazu schreiben. Denn ich halte die Debatte für äußerst relevant und diskussionswürdig – mehr noch, diese Debatte verändert was. 
Ich habe einen Twitteraccount, den ich nur beruflich nutze. Freitag habe ich lange überlegt, ob ich mich an der #aufschrei Aktion beteiligen möchte, ob ich mich nicht beteiligen müsste um Teil dieses öffentlichen Aufschreis zu sein und um solidarisch mit all denen zu sein, die sich dort äußern. Ich habe es dann nicht getan, weil ich mich unwohl bei dem Gedanken gefühlt habe, Personen, mit denen ich beruflich verbunden bin, würden meine konkreten Erfahrungen mit Sexismus und Grenzverletzungen lesen und fortan mit mir verbinden.  …
… und weiter im Text, wenn die Adresse aufgerufen wird. Es sind auch schon einige lesenwerte Kommentare dazugekommen.
mein Kommentar dazu: (ja, er erscheint von etwas anderem Grundton zu sein, als mein letzter Beitrag zum Thema. Ich habe meine Meinung dazu überdacht und geändert, wo es nötig war.)
Danke für den Post. Er spricht aus, was ich zuerst nicht einmal zu denken wagte.
Ich kann darüber nicht lachen. Ich habe es für mich auch zunächst abgelehnt, mich mit meinen persönlichen Sexismus- und Chauvinismus-Erfahrungen öffentlich zu machen, aus genau den gleichen Gründen.
Ich gebe zu, auch ich gehörte zunächst zu den Frauen, die das Problem zuerst nicht sahen (nicht sehen wollten?) und die sich öffentlich Äußernden mit von Überempfindlich bis Selbst schuld be(ver?)urteilten. Aber nun nicht mehr. 
Es ist definitiv ein allgemeines gesellschaftliches Problem, das zu lange mit „Einzelfall“ diagnostiziert und per „stell dich nicht so an“-Befehl mundtot gemacht wurde.
Wo ist nur die „gute Kinderstube“, sprich Erziehung, hingeraten? Ach ja, sie wurde Opfer des männlich-konkurrierenden Lebensentwurfes moderner Frauen, die einfach keine Zeit mehr haben, ihren Kindern eine gute Kinderstube mitzugeben.
Das System gefällt mir nicht. Es gefällt mir nicht, daß viel mehr Frauen, als ich gedacht hätte, nicht nur einmal im Leben sondern mehrfach am Tag als Objekt betrachtet und behandelt werden.Ändern wir was. Schon um unserer Töchter und unserer Söhne willen. Ich bin dabei!!
(Zornige) Liebe Grüße, Sathiya

Ich bin gespannt, was sich (und ob überhaupt – als gelernter Pessimist ist diese Vermutung obligatorisch) ändern wird. Ich fürchte, auf Gesetzesebene wird sich da nicht viel tun – es ist ja schon alles da – Gleichheitsgrundsatz, Frauenbeauftragte, besserer Schutz für Mütter und und und… aber an der Gesellschaft und ihrer tendenziösen Entwicklung hin zu wennichdaswüßte hin hapert es. Mein letzter Vorschlag, Etikette-Unterricht obligatorisch für alle zu machen, wird mir immer sympathischer. Machbar? Keine Ahnung. Aber wer – wenn nicht wir? Wann – wenn nicht jetzt?!

Anti-Schrei

Eigentlich wollte ich zu diesem Thema den Mund halten und mal nichts sagen. Aber dann fand ich diesen Beitrag hier: einen erstaunlich unaufgeregten Artikel über den allgemein durch die Blog-Sphären hallenden „Aufschrei“ empörter Frauen, die sich zur Wehr setzen dagegen, tatsächlich oder vermeintlich als (Sex)Objekt behandelt zu werden. Ich erspare mir eine Liste der Blogs und anderer Internetmedien zum Thema, wer sucht, der findet, das ist diesmal gar nicht schwer…
Inspiriert von hier: philippe-wampfler.com/2013/01/25/zwei-bemerkungen-zum-aufschrei/
Mit dem Titel „Aufschrei“ verbinde ich etwas anderes, als die meisten Frauen. Und zwar gibt es ein Buch dieses Namens, das von einem Mädchen handelt, das schon als Kind von ihrem Vater sexuell mißbraucht wurde und deshalb eine Persönlichkeitsspaltung erlitt. Äußerst schockierend, drastisch und in keiner Weise mit den meisten vergleichsweise harmlosen Übergriffen, die wütend-empört geschildert werden, zu vergleichen. Aber das nur am Rande.
Ich behaupte einfach mal – und lehne mich damit vermutlich weit aus dem Fenster – das Ganze ist eine Folge der allgemeinen Laissez-faire oder antiautoritären Erziehung in Familie, Schule und Medien und der kommerziellen Sexualisierung der Gesellschaft der letzten Jahrzehnte. Vielleicht bin ich ja auch altmodisch erzogen bzw. von altmodischen Ansichten – aber diese haben mir derartige Erlebnisse weitgehend erspart und wo nicht,  mich nicht derart in meinem innersten Ich geprägt und verletzt.
Ein Mensch mit guter Erziehung (altertümlicher Ausdruck: „Kinderstube“) wird sich nicht daneben benehmen, weil er/sie weiß, was sich gehört. Dazu gehört sowohl Frauen nicht als Objekt zu betrachten – egal, wieviele halb-dreiviertel-nackte Blondinen von den Titelblättern lächeln – als auch – Frauen, das gilt euch – sich nicht als Objekt darzustellen (Minirock, mehr als offenherzige Kleidung, laszives Benehmen, um Mitternacht an einer Bar rumhängen). Kaum eine/einer weiß noch, was sich gehört, wie man/frau sich korrekt benimmt, was man /frau wann wie sagt und tut. Was sagt Herr von Knigge dazu?
Nichts, der Ärmste konnte sich in seinen kühnsten Träumen ein derartig freizügiges Benehmen, wie es heute üblich ist, nicht vorstellen.
Ein neuer Benehmenskodex müßte etabliert werden, und das schnell.
Wie man/frau sich benimmt wann/wo/wie/wem gegenüber, wird leider weder von Familie noch Schule noch Gesellschaft gelehrt, ein Fach „Etikette“ gibt es nicht. Wäre aber dringend notwendig, wenn ich mir die überbordenden Reaktionen der Frauen und teilweise extremen Gegenreaktionen der Männer so ansehe. Ein klassisches Kommunikationsproblem, um es mal auf modern-deutsch auszudrücken.
Es herrscht eine allgemeine Unsicherheit höchster Stufe, wie man/frau seinen/ihren Mitmenschen begegnet. Wann ist ein „Guten Tag“ einfach nur ein höfliche Floskel, wann eine Beleidigung, und wann eine Anmache? Darf ein Mann eine Frau ansprechen, wenn sie es nicht wünscht? Wie zeigt, sie, daß sie eine Anrede wünscht? Wie darf eine Frau einen Mann ansprechen, ohne sich deswegen gleich ein „verfügbar“ auf die Stirn zu malen? Ich bin ratlos. Die üblichen Regeln normaler Höflichkeit scheinen auf einmal nicht mehr zu gelten, das Gefühl für Anstand, Sitte und Moral hat sich anscheinend grundlegend gewandelt und die alten Regeln gelten nicht mehr. Was also tun???
Wie wäre es damit: eine neue Etikette-Fibel wird entwickelt und auf den Markt gebracht, dazu verpflichtende Einführung des Faches Etikette in Schule und Berufsausbildung. Gute und hervorragende Etikette-Kenntnisse und Fähigkeiten werden zur Voraussetzung für die Zulassung zum Hochschulstudium sowie zur Zulassung zu politischen Ämtern gemacht. Es wird vermutlich eine Kontrollinstanz erforderlich sein, eine Art Sittenpolizei, aber anders als bisher. Eine Art Etikette-Führerschein vielleicht? 🙂 Etikette-Fahrschulen, zum Auffrischen für Erwachsene? (Nein, das meine ich nicht wirklich ernst, aber daß solche Ideen entstehen, zeigt doch, daß da was im Argen liegt.)
Neuer Knigge – demnächst hier im Blog. Vorschläge – ernstgemeinte, nachvollziehbare, korrekte, durchdachte – willkommen!
Grüße, Sathiya