Geschichte der Handarbeit

Eine Bloggerin schrieb einen guten und interessanten Beitrag über Handarbeiten, ihre mutmaßliche Geschichte, Entstehung, Intention, und ihre heutige Bedeutung als unter anderem Selbstfindungsmethode junger und alter Menschen. (link siehe unten) Der Text ist so gut, die Kommentare dazu so voller guter Gedanken und Ansätze, daß ich sie gebeten habe, ihre Text auszugsweise hier veröffentlichen zu dürfen, begleitet von meinen eigenen Worten. Danke!

Auf diese Weise habe ich Handarbeiten (im klassischen Verständnis – Sticken, Stricken, Nähen) noch überhaupt nicht gesehen – als Mittel zum Zweck, junge Mädchen und Frauen davon abzuhalten, eigene Gedanken und Aktivitäten zu entwickeln, um sie zu unterdrücken und im Zustand des Zweifels über ihre eigenen Fähigkeiten zu halten.

Kein Wunder, da sich junge Frauen mit ihren Stricknadeln, Nähmaschinen und Stoffballen politisch, feministisch, ja geradezu umstürzlerisch fühlen!

Obwohl sie das eigentlich nicht müßten – denn sie bekommen genau dieselbe formale Schulbildung wie die jungen Männer, haben dieselben Möglichkeiten, zu studieren, ihr intellektuelles und kreatives Potential voll auszuschöpfen, Manager und Politiker zu werden und werden auch nicht mehr gezwungen, aus traditionellen Gründen monatelang ihre Aussteuer zu besticken (was ja zu zu Lasten der Zeit ginge, die sie vielleicht auch zum Lernen, Lesen, Diskutieren und selbst schreiben aufwenden könnten) und zuhause als Hausmütterchen zu versauern und sozusagen aus Langeweile zu sticken.

Handarbeiten anzufertigen ist zeitaufwendig und nicht eben mal nebenbei getan, genau wie es für jede andere gutausgeführte Arbeit gilt, nur ist es in unserer modernen Gesellschaft nicht so gut angesehen, bzw. die Familie trägt industriell hergestellte Kleidung. Wenn dann aber mal jemand seine Haushaltstextilien selbst herstellt, wird es geradezu als selbstverständlich angesehen, daß jemand strickt oder näht, und Kleidung und Heimtextilien anfertigt (vom Pflegen und Waschen derselben mal ganz zu schweigen).

Eine Bemerkung aus den Kommentaren beschäftigt mich am meisten: „… formale intellektuelle Bildung alles ist, was zählt. … “

Wo sind die Leistungen der Frauen, wo werden sie so gewürdigt wie die der Männer? Wären die großen Geister der Vergangenheit, die Intellektuellen, die Dichter, Stückeschreiber, Erfinder, Herrscher zu denselben Leistungen fähig gewesen, wenn sie sich außer um ihre Passion auch noch um die gewöhnlichen Dinge des Alltags hätten kümmern müssen? Essen besorgen, Kochen, Kleidung herstellen, Acker bestellen, Kinder bekommen, aufziehen, die Alten und Kranken pflegen, und so weiter und so fort? Es heißt doch – hinter jedem großen Mann steht eine Frau… die das alles per Handarbeit erledigt und von ihm ferngehalten hat. (Das gilt selbstverständlich nicht für alle, aber für sehr viele. Ebenso gab es große Frauen, die ebensolchen Support hatten, was jetzt aber nicht mein Thema ist.)

Pro und contra Handarbeit – leicht angriffslustige Gedanken:

Handarbeit – ja, aber bitte nicht hier bei uns. Das ist doch unterste Arbeit. Keinesfalls einer Erwähnung oder gar Würdigung wert. (Sarkasmus) In Bangladesh – jahaa, da sieht es doch ganz anders aus… einstürzende Hemdenfabrik hin, brennende T-Shirt-Produktion her… (Zynismus) und überhaupt – so winzige Nähte wie z.B. bei den Nicci-Schlüsselanhängern, das kriegt ein Erwachsener doch nie hin, klar muß das von Kindern, äh, 14jährigen, die sich als 18 ausgeben, genäht werden. 12, 14, 16 Stunden am Stück – kein Problem, wenn man sich vorstellt, wo die Kinder sonst landen würden?! Auf der Straße! Prostitution! Drogen! (Ironie, Sarkamus, Zynismus).

Und ein Zahnarzt – führt er etwa keine Handarbeit aus? Oder Zahnärztin, meinetwegen, oder Chirurgen, oder Klempner… deren Arbeit ist deutlich besser angesehen und gewürdigt und auch bezahlt, als die Arbeit einer beliebigen Näherin/Stickerin/Strickerin, whatever.

Jedenfalls haben dieser Post, die zugehörigen Kommentare und die letztwöchige Blog-Aufregung um koplosen Näh-Blog-Feminismus meine Ansichten verändert, erweitert und geklärt – und ich habe nun mehr Verständnis für Projekte wie Urban Knitting, yarn bombing, umstrickte Parkbänke, Bäume und Verkehrsschilder und Zebrastreifen aus Strick. Und auch für diejenigen, die sich wegen der Ansichten anderer erniedrigt und beleidigt fühlen.

Irgendwer Lust, endlich mal eine „Kurze Geschichte der Handarbeit“ – aus Frauensicht – zu schreiben? 😉

Grüße, Sathiya

Der Beitrag, der mich zu diesem Post bewog – Textauszüge aus Post und Kommentaren von hier:

http://suschna.wordpress.com/2013/04/23/wohin-das-herz-uns-treibt/  (mit freundlicher Zustimmung, Text in blau von da)

… Ich fühlte mich aber doch an eine Diskussionen erinnert, die in den Büchern über die Geschichte der Handarbeiten immer wieder auftaucht.

Der Frage nämlich, ob Handarbeiten als Beschäftigung für bürgerliche junge Mädchen eben gerade verhindern sollte, dass sie auf dumme Gedanken kommen. Oder ließen die jungen Frauen über der stumpfsinningen Tätigkeit ihren Geist in verbotene Gefilde wandern?

Handarbeitserfahrene Lehrerinnen damals schienen letzteres zu ahnen, denn die Handarbeitsstunden wurden zugleich dazu genutzt, Französisch zu üben und Geschichten vorzulesen. Auch waren Handarbeiten für Leseratten damals ein willkommener Vorwand, ein Buch lesen zu dürfen. Wenn man “sinnvoll” mit Strumpfstricken beschäftigt war, drückte Mutter wohl ein Auge zu und ließ das “unnütze” Lesen durchgehen.

Abhandlungen über die Geschichte der Handarbeiten gibt es nicht sehr viele. Und je nach feministischer Ausrichtung gehen die Schilderungen meist von der These aus, dass Handarbeiten als Unterdrückungsinstrument benutzt wurde. Das ist natürlich schrecklich verkürzt.  Gerade wenn man – wie ich –  voller Bewunderung auf die damaligen Kunstfertigkeiten schaut, wünscht man sich eine differenziertere Betrachtungsweise.

Daran wurde ich bei diesem BBC-Film über die textilen Künste in Indien  (http: //www .bbc.co.uk/programmes/b00zfmkd )  erinnert. (Zur Zeit noch auf arte+7  (http: //videos.arte.tv/de/videos/unbekannte-schaetze-indischer-kunst–7451230.html ) zu sehen).

Der Reporter reist voller Begeisterung auf der Suche nach alten textilen Techniken durch das Land. Unter anderem zeigt er auch prachtvoll  bestickte Gewänder für die Mitgift, an denen Mädchen und Frauen der Nomaden in jeder freien Minute arbeiten. Dieser Brauch wurde allerdings inzwischen unter Strafe gestellt. Die Mädchen sollen stattdessen zur Schule gehen und sich nach einer Arbeit umsehen. “Wenn man heute noch seine Kinder sticken lässt, geht das zulasten ihrer Bildung” sagt eine Mutter in dem Film.

So schließt sich der Kreis zu den handarbeitenden Bürgertöchtern in unserer Vergangenheit.  Gerade lese ich die Tagebuchaufzeichnungen einer, der Lesen und Bildung tausendmal wichtiger war als das lästige Nähen, das aber nötig war, um die Haushaltskosten niedrig zu halten.

Die Geschichte der Handarbeit ist voller Ambivalenzen und es macht Spaß, in alten Quellen  nach Spuren zu suchen. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass die Kunstfertigkeiten wirklich verloren sind. Irgendwo wird es immer jemanden geben, der sich damit beschäftigt. Und wenn man genug Energie hineinsteckt, dann kann man auch an die alte Meisterschaft heranreichen. Diesmal dann ganz freiwillig.

Kommentare (Auszüge):

…  Aber interessant: Befreiung der Frau / Niedergang eines Kulturgutes. … Fällt es uns leichter, den Verlust “exotischer” Fertigkeiten zu beklagen als den Verlust vermeintlich stumpfsinniger Tätigkeiten, die unsere Groß- oder Urgroßmütter noch erlernten?

Spontan kommt mir angesichts dieses angeblichen “Zwangs” zur Handarbeit “um die Mädchen dumm zu halten” der Gedanke, dass diese Interpretation ja auch ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass formale intellektuelle Bildung alles ist, was zählt. Ich finde, dass bei dieser Interpretation, auch wenn sie sich selbst wohl als feministisch motiviert bezeichnet, die Leistungen der Frauen um 1900 gering geschätzt werden. Schon allein weil es erheblich komplizierter und mit mehr Planung und Voraussicht als heute verbunden war, einen Haushalt zu führen, auch mit Hausangestellten. Und das haben diese Frauen hingekriegt, ohne höhere Mathematik. Und rational betrachtet haben z. B. pseudowissenschaftliche Diskurse von Männern über die angeblichen intellektuellen Defizite von Frauen und ihre drohende “Vermännlichung”, sollten sie sich mit Wissenschaft beschäftigen, um 1900 die Frauen unterdrückt und Bildung verhindert. Nicht Stickbücher. Und wenn ich mal davon ausgehe, dass sich im frühen 19. Jh. die meisten Männer ebensowenig wie heute für kunstvoll gestickte Bildchen des Vesuvs interessiert haben, dann fände ich es schon merkwürdig, wenn solche Handarbeiten ausgerechnet als ein Unterdrückungswerkzeug des Patriarchats gesehen werden. (Nach diesem Argumentationsmuster könnten Technikgadgets und Fussball dann subversive und sehr, sehr erfolgreiche Strategien der Frauen sein, um Männer ruhigzustellen und währenddessen den Umsturz zu planen).

Ich wehre mich dagegen, dass das alles, was Frauen an wunderbaren textilen Werken geschaffen haben, als weibliches Kunstgewerbe … abgetan oder als Mittel der Unterdrückung diffamiert wird.
Die wirklichen Unterdrücker waren … die Männer, das sollte man dabei nicht vergessen & Handarbeiten als Ausdrucksmöglichkeiten der Frauen in dem Rahmen, der ihnen zugestanden wurde, sehen.

… Dass der Stellenwert der Handarbeit in der Geschichte so gering aufgearbeitet ist, liegt wahrscheinlich im Wesen der Frauen selbst. Eigene Dinge werden als selbstverständlich genommen und Leistung auch noch oft in Frage gestellt. … Wieviel Frauen von verstorbenen Künstlern gibt es , die sich zur Aufgabe gemacht haben bzw. hatten, das Werk des Mannes hochzuhalten, der Nachwelt würdig zu erhalten von Stiftung bis zu Biografien etc.pp. Zeige mir den Mann, der das Werk seiner Frau öffentlichkeitsreif aufgearbeitet hat, damit es nicht vergessen wird! Arbeiten für den Ruhm anderer, das machen nur Frauen.

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Bildungsfragen – Uni

Ein sehr guter Artikel zum Thema Hochschulbildung und Bildung. Lesen!
https://siebenhundertsachen.wordpress.com/2013/01/28/bildungsfragen
Ich würde ihn am liebsten eins zu seins auf meinen Blog übernehmen, habe aber die Autorin noch nicht gefragt, und ganz entgegen meiner sonstigen Frechheit, nehme ich mir diesmal diese Freiheit nicht heraus. Dafür steht hier mein Kommentar dazu, in voller Länge, und mit allen Rechtschreibfehlern. 😉
Ein sehr guter Artikel, der mir aus der Seele spricht.
Das Unvermögen und sogar Unwillen der Jugend, die sich für „hochschulreif“ hält (offiziell per Abiturzeugnis bestätigt) ist erschreckend, die Grundkompetenzen wie Verständnis von Zusammenhängen, Lerntechniken, Lernwillen, Lesen längerer trockener Texte so gut wie nicht vorhanden bzw. wird als uncool empfunden, gerade im Zeitalter von SMS, facebook, Studi-VZ und twitter und co.
Meine Große studiert Pharmazie – heftiges Lernfach 😉 – und auch sie berichtet unschönes. Lernen scheint nicht cool zu sein, und Selberdenken schon mal gar nicht. Redet der Vortragende zu „geschwollen“ (aus Studentensicht) oder zu schwierig, besucht man nach ein, zweimal seine Vorlesungen nicht mehr. Im Gegensatz dazu werden Lehrveranstaltungen präferiert, in denen sich der Vortragende wie der Homie zu hause anhört, leichte kurze Sätze, witzig, alles locker und easy… und die Übungsaufgaben werden zuhause aus dem Internet rundergeladen, samt Lösungen.
Ich frage mich, welchen Wert in einigen Jahren denn noch eine Hochsculausbildung hat, wenn ein Großteil der Absolventen noch nicht einmal über das Wissen eines Abiturjahrganges verfügt?
(Das ist natürlich der schlimmste Fall, und von mir maßlos übertrieben, auch will ich nicht die zweifellos vorhandenen sehr fleißigen fähigen und klugen Studenten abwerten – aber der Ausdruck Massen-Uni sagt es doch schon: Studenten als Massen-Ware. Welche Qualität können wir da noch erwarten?!)
Als Mutter eines Nesthäkchens in der 2. Klasse der Grundschule sehe ich auch zu deutlich die zunehmenden Schwächen des Systems Bildungswesen. Ich habe ein hochinteressiertes (nicht hochintelligent – hochinteressiert! 😉 ) Kind, das ich zuhause im privaten so fördere und unterrichte, wie ich es für nötig halte. Natürlich langweilt sie sich deswegen in der Schule – aber eins der Dinge, die ich zu lernen für nötig halte, ist die Fähigkeit, auch anderen etwas beibringen zu können. Nicht unbedingt nur als Lehrer, sondern als Freund. Ich beispielsweise habe etwas immer dann am besten begriffen, wenn ich es jemand anderem erklären mußte (damit meine ich nicht Vorträge halten, sondern einfach erklären). Das ist auch ein Punkt, in dem das Schul- und Bildungssystem versagt. Powerpoint &co. sei Dank.
Mich schockiert vor allem das: (Zitat) „Das Ziel des deutschen Bildungssystems ist heute vor allem: Arbeitsmarkt-kompatibler Output in möglichst kurzer Zeit.“ Das beginnt schon in Kindergarten und Grundschule, mit 40-Stunden-und mehr-Wochen schon für 3-jährige und setzt sich nahtlos bis zum Abitur fort.
Wir brauchen dringend viel mehr solche engagierten interessierten motivierten Hochschullehrer wie Dich. Und wenn es damit getan wäre, jemanden wie Dich zur Wissenschaftsministerin zu wählen, ich würde sofort für Dich stimmen.
Viele Grüße, Sathiya
(ich kenne leider keine Traum-Uni, sonst würde ich sofort was sagen. Wie wäre es mit Privat-Unis? Oder selbst eine gründen?)

 

Ein ebenfalls passender Artikel, ziemlich zynisch und auch populistisch. Heftig. Dennoch nachdenkenswert: pravdatvcom.wordpress.com/2012/10/01/ausbildung-zum-systemsklaven/