Wo bleibt die executive version?

von hier  http ://www .strickforum.de/weblog/index.php?itemid=1411

Wer heutzutage im Berufsleben steht und gelegentlich Statistiken oder gar Präsentationen erstellen muss, der weiß: In den Unterlagen finden sich zu den verkauften Weihnachtsmännern oder Osterhasen alle erdenklichen Details, über die sich ermitteln lässt, ob die kleinen Roten oder die dicken Goldfarbenen mehr Umsatz gebracht haben, wieviel mehr Quengelware ab einer Verweildauer von drei Minuten in der Kassenschlange abverkauft wird und welche Kassiererin die meisten Lebkuchen über den Scanner geschoben hat. Das ist alles hochinteressant für den Azubi, der noch lernt, wie ein Supermarkt funktioniert.
All dieser Kleinkram interessiert aber den “Executive” in der Konzernzentrale nicht im Entferntesten. Der will wissen, wieviel Umsatz die Filiale in den letzten vier Wochen gemacht hat, wie die Quote per Verkaufs-Quadratmeter ist und welche Produktgruppen den höchsten Deckungsbeitrag dazu geleistet haben. Dafür gibt es die “executive version” des Berichts bzw. der Präsentation.

Bei den Strickerinnen ist es ähnlich.
Es gibt die Anfänger und Detailverliebten, die vor dem Anschlagen ihres Spüllappens erst noch jede Masche persönlich kennenlernen möchten, möglichst mit einem Video, das auch im ausgedruckten zwanzigseitigen PDF ohne Ruckeln abläuft. Das lassen sie sich auch gern ordentlich etwas kosten, solange sie nur das Gefühl haben, dass ihnen auch nicht das kleinste unwichtige Informationsbröckchen vorenthalten wird.

Und es gibt auch in Strickerkreisen die “executives”, die es knapp und klar bevorzugen. Sie können zwischen den Zeilen lesen und sich weggelassene Details selbständig hinzudenken. Sie können nicht nur ohne Zuhilfenahme eines Videos eine Masche wie zum Rechtsstricken abheben, sondern auch Strickmuster von flach auf rund und umgekehrt umsetzen und noch diverse weitere Kunststücke. Im Zweifelsfall reicht ihnen als “Anleitung” ein Schnitt-Diagramm, ein Muster-Diagramm und ein paar Fakten wie Material, Menge und Maschenprobe. Solche Anleitungen gab es übrigens vor 30 Jahren in fast jeder deutschen Strickzeitschrift. Sie nahmen meist weniger als eine halbe Seite ein, und man konnte fabelhaft, platzsparend und problemlos danach stricken. Auch Anfängerinnen strickten so, und mit Erfolg.

Was aber das Wunderbarste ist: Auch die moderne Strickerin kann lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Heißluft-Humbug einfach wegzulassen. Macht Euch unabhängig von zwanzigseitigen Anleitungen! Mit etwas Selbstvertrauen und ein klein wenig Übung reduziert Ihr überkomplizierte Bläh-Anleitungen auf die zwei Seiten, die wirklich darin stecken. Überlegt nur mal, wieviel Strickzeit Ihr hinzugewinnt, wenn Ihr vor dem Anschlagen achtzehn Seiten weniger durchlesen müsst. Es lohnt sich!

Und Ihr, liebe Strick-Designerinnen, die Ihr so stolz auf Eure zwanzigseitige Spüllappen-Anleitung nebst Video seid: Wollt Ihr Euch nicht einmal darauf besinnen, dass nicht alle Strickerinnen hirnamputiert sind, dass auch die unerfahrenste Anfängerin Fortschritte im Interpretieren von Anleitungen machen kann, wenn man sie nur lässt, und dass weniger oft mehr ist? Lasst doch versuchsweise mal die Blümchen, die Herzchen und die Dreifach-Erklärungen über siebzehn Seiten weg und ermuntert Eure Kundinnen, ihr integriertes Logik-Modul ruhig mal in Betrieb zu nehmen. Es funktioniert hervorragend und von Tag zu Tag (und von Anleitung zu Anleitung) besser, vorausgesetzt es wird nicht ständig von wohlmeinenden Anleitungsschreibern gestutzt, die Strickerinnen einen IQ vergleichbar mit dem einer Scheibe alten Zwiebacks unterstellen.

Ein herrlicher Text! Anwendbar auf beinahe alles aus der aktuellen Do-it-yourself-Szene: Nähen, Papierfalten, Häkeln, Stricken, Sticken, Modellieren… was alles werbe- und verkaufswirksam wissenshäppchenweise in Tausende von E-Books gepreßt wird – und teuer verkauft. Und – mir unverständlich – sowas wird auch tausendfach gekauft.

Der Text spricht mir aus der Seele. Größtes Kompliment! Sollte ich mich mit der Übernahme zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, nehme ich es wieder zurück.

Grüße, Sathiya

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5 Kommentare zu “Wo bleibt die executive version?

  1. Der Text ist fantastisch. Und passt m.E. längst nicht nur auf die DIY-Szene. Denn er beschreibt wunderbar den Unterschied zwischen Amateur und Profi, Wissen und Verstehen, Schein und Sein.

    Der Amateur tut die ganze Zeit Dinge die er an sich nicht völlig durchstiegen hat.

    Es gab mal eine Zeit da hat das letztlich dazu geführt, etwas lernen zu wollen. Besser zu werden. Man brauchte einen oder zwei Versuche dafür. Das war anstrengend. Machte Arbeit. Zum Teil ging es gar nicht anders, weil einem der Profi etwas gehustet hat wenn man ihn mit jeder simplen Frage seit der Erkaltung der Erde genervt hat.

    Heute ist das kaum mehr so. Heute will man eine Anleitung die diese Mühe vermeiden soll. Um den Schein aufrecht zu erhalten. Um ‚fast so gut‘ wie der Profi zu wirken. Ohne sich selber diese Arbeit zu machen – man wälzt sie ab auf den Profi der es einem gefälligst erklären soll. Und hat schon kaum noch ein Problem damit, ein blutiger Anfänger zu sein – und zu bleiben.

    Und irgendwann wird es so sein, dass man sogar noch stolz darauf ist im Grunde nicht zu wissen was man tut. Und sein Halbwissen nicht nur nicht erweitern, sondern nicht mal mehr kaschieren will.

    Ich habe, in einem völlig anderen Bereich, jahrelang das Gefühl gehabt, wenn ich beim Erklären bei Adam und Eva anfange wirkt das, als nähme ich mein Gegenüber nicht ernst und hielte ihn für einen Idioten. Früher habe ich dann noch nachgefragt weil ich unsicher war. Das habe ich längst aufgegeben – Du hast in 30% der Fälle Leute vor Dir die tatsächlich keine Ahnung haben. Und in 60% der Fälle solche die prinzipiell wissen um was es geht –es aber eben nicht wirklich verstanden haben und dies auch instinktiv wissen – und daher jeden Bissen lieber vorsichtshalber vorgekaut haben möchten.

    • Ich unterschreibe auch jeden Satz Deines Kommentares. Besonders Absatz 5 – „irgendwann wird es so sein…“ – und ergänze dazu: es IST bereits so.

      Eigentlich wolllte ich meine Antwort mit einem Smiley auflockern, stelle aber fest, daß mir bei diesem Thema nicht wirklich zum Lachen zumute ist.
      Danke für Deine Worte!
      +Lg, Sathiya

  2. … und dann kommen – gerade und/oder trotzdem – von den 60 % mitunter Aussagen von „… wir wissen eigentlich nicht, warum es funktioniert, aber wenigstens tut es dies!“
    Hubby koennte Dir da ein Lied(erbuch) davon singen; vor allem, wenn wir hierzulande ‚Fachkraefte‘ einkaufen und dann feststellen, das nunmal Standard fuer Fachkraft und Fachkraft seeehr unterschiedlich ist in den div.’s Laendern dieser Welt.
    Hier kracht es gerade etwas, weil man angeblich eine Skill-Shortage hat, welche aber eher eine ‚Willingness to pay shortage‘ ist gepaart mit ‚wir sparen, koste es was es wolle‘!
    Damit passiert dann folgendes: sog. 457 Visa’s werden vergeben um ‚besseren Gastarbeitern hoeheren Bildungsniveaus (allerdings auch mitunter in niedereren Levels) arbeiten hier zu ermoeglichen – allerdings OHNE An-/Umlernen oder Gebrauchsanweisung!
    DANN kommt: die auf fast ’nicht mehr funktionsfaehig reduzierte verbliebene Belegschaft einer Firma kann dann staendig die Fehler dieser Fachkraefte ausbessern – zusaetzlich zur ohnehin denen schon vermehrt verbliebenen Arbeit einstiger Kollegen.
    Das Ganze aber aus finanz./buchhalterischen Gruenden und mit dem typischen ‚Hausfrauen-Management-Skills‘ von Basis-Mathematik von ‚einfach Leute rauswerfen = bessere Zahlen‘.
    Ich bin neugierig, wie (lange) das noch vermeintlichen Sinn ergibt!
    Denn ich selbst frage mich schon, warum ich – obwohl ‚dies dies und jenes‘ relativ gut koennend DOCH nicht als Fachkraft gezaehlt werden darf.
    Mind you, dann kommen da noch die leicht individuellen ‚Macken‘ der einzelnen Laender bezueglich ‚Dokumenten/Papier-Glaeubigkeit‘! D. ist/war (?!) diesbezueglich ja eines der Schlimmsten. Z.B., kam ich mit knapp 30 vom ersten OZ-Adventure zurueck in die Heimat und suchte instant einen Job. Ich hatte zu diesem Zweck auch die aktuellsten Dokumente im Orig. bei mir, waehrend die ‚aelteren‘ hierzu bei meinen weiter von Muc. entfernt lebenden Eltern gelagert waren. Stellte mich also bei div.’s Ecken vor und bekam WAS zu hoeren?
    „… jaaaa, Frl., WO sind den die fehlenden Dokumente zu ihrem Lebenslauf, bitte?!!“
    Schaute ich etliche dieser ‚Einstellungsberechtigten‘ so indigniert wie entsetzt an und meinte dann erklaerend in ca. “ … ja, ist es nicht LOGISCH, dass ich diese aktuellsten NUR haben/kriegen konnte, indem ich die Vorstufen – sprich Anforderungen – zu den aelteren jedoch fehlenden Dokumenten erfolgreich gemeistert habe?“
    Wenn’s schon am logischen Denken fehlt …
    Hierzulande ist es dagegen ‚fast umgekehrt‘: vor lauter ‚vermeintlich keine Zeit haben‘ (warum eigentlich; ‚DAS‘ ist deren JOB dafuer Zeit sich zu nehmen!!) werden fast nur noch die ersten Zeilen in einem Lebenslauf/Bewerbungsschreiben gelesen. Nachdem KEINER eine Idee hat, WIE lange eine Ausbildung WO dauert, inkl. kontrollierende Ruecksprachen aus Kostengruenden nicht/kaum gemacht werden (???!) kriegen wir dann mitunter schon sog. ’selbstaufgeschwungene Aerzte und dergl.‘ welche noch NIE eine entsprechende Ausbildung absolviert haben !!!
    Dies ist natuerlich gaaanz schlimm, wenn’s ‚global‘ sprich Laenderuebergreifend wird!

    (Ich geh‘ jetzt wieder – ist eigentlich nicht mein Tummelfeld hier dieser Blog; zersplittert meine ‚Bloggerzeit‘ zu sehr – sorry)

    LG, G.

    • Ja, das wäre ein Fall von „ich wünsche mir, daß an den Schulen ein Fach unterrichtet würde, in welchem simpelste Logik vermittelt wird.“
      Aber das wäre ja ZU einfach.

      „skill-shortage“ und „willingness to pay shortage“ scheint an einigen Orten Hand in Hand zu gehen.
      Irgendwie aber gerecht – man erhält genau das, wofür man bezahlen will 🙂 .
      Lg, Sathiya

      • …. sooo lange, bis dass nix mehr da ist, was ueberhaupt noch einen hoeheren Wert haette; d.h., selbst auch fuer diejenigen evtl. gar keine ‚Geldausgebe-Chance‘ besteht, welchen das Geldsparen vorher auf diese Tour so wichtig war. 😉
        Wie sagt GoeGa immer so schoen „… dann tut es noch nicht ausreichend weh um etwas zu aendern …“

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