Wäre ich ein Spatz

Wäre ich ein kleines Tier, ein Spatz vielleicht, …

… dann würde ich auf einem Ast sitzen, im Frühjahr mit einem Partner ein Nest bauen und Junge großziehen und mich um meine Spatzensorgen kümmern, den ganzen Tag umherfliegen und zwitschern und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

… wüßte ich dann etwas von der Welt um mich herum? Von ihrer Größe, ihren Wundern, ihrer Politik, Kriegen, Wissenschaft, Kunst und Kultur? Nein. Und es würde mir nicht auffallen und mir auch nicht fehlen.

… und als solcher von beschränktem Verstand, dann könnte Aristoteles persönlich auf dem Ast neben mir sitzen und mir die Welt erklären, bis er hinunterfiele – aber ich würde es trotzdem nicht begreifen, weil mein beschränkter Verstand es nicht zuließe.

… ich wüßte das alles nicht und es wäre mir piep-egal.

Aber als Mensch – könnte ich erkennen, daß es etwas gibt, das sich meinem Begreifen entzieht, das zu groß und zu komplex ist, um von meinem Verstand erfaßt zu werden, nicht nur zu einem Bruchteil sondern in Gänze? Und nein, ich könnte es nicht akzeptieren. Ich würde dagegen ankämpfen und es, wenn ich es nicht begreifen kann, sogar vernichten.

Eine kleine Fabel, einem Gespräch zwischen Katherine und Leonardo entnommen.

Frei nach Voyager – die Folge mit Da Vinci und Janeway, als sie den gestohlenen Schiffscomputer suchen.  siehe http:  //de.memory-alpha.org/wiki/Apropos_Fliegen    (kein Hyperlink, Bild von da) 

Es ist ein hohes Maß an Intelligenz und Verstand und Erkenntnisfähigeit vonnöten, um einen Menschen erkennen zu lassen, daß sein Verstand beschränkt ist und durchaus nicht alles zu begreifen und verstandesmäßig zu erkennen vermag.

Ich mag die Raumfahrt-Serien der Achtziger, besonders die Voyager-Folgen. Ich finde jedesmal wieder etwas neues, was ich daraus lernen kann – und manchmal besteht der Lerneffekt darin, wie man es nicht machen sollte.

Die philosophischen und ethischen Fragen, die darin aufgeworfen werden, sind hochinteressant, thematisieren sie doch die Kolonialpolitik der großen, reichen und mächtigen Staaten den kleineren, schwächeren und vor allem ärmeren gegenüber, die heute noch genau wie vor 500 Jahren stattfindet. Außerdem behandeln sie grundlegende Fragen der Menschheit – Menschenrechte, Individualrechte und das Wohl der Allgemeinheit, Recht auf Nichteinmischung, Pflicht zur Hilfeleistung. Das Recht auf Wissen und Weiterentwicklung von Gesellschaften und Einzelpersonen, das Recht auf Glück und persönliche Entfaltung und Entwicklung des Individuums, die Abwesenheit von Gier und Besitzstreben. Die Fähigkeit, Fehler zu begehen, sie wiedergutzumachen und aus dem Ganzen zu lernen und beim nächsten Mal besser zu machen, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, vorwärts zu gehen, ohne die eignene Menschlichkeit zu verlieren, Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersaussehenden, Andershandelnden.

Ich finde das alles faszinierend, eine Utopie, die es wert wäre, zum Leben erweckt zu werden.

Vor allem die Persönlichkeit Katherine Janeways interessiert und inspiriert mich. Manchmal wünschte ich, ich wäre mehr wie sie…

Lebe lang und in Frieden, Sathiya

(Text übernommen von meinem Blog Geschmacks-Sache)

Pferd oder Nichtpferd

Das ist wohl die Frage. Der jüngste Lebensmittelskandal um Pferdefleisch in der Lasagne ist schon wieder nahezu ein alter Hut – wann kommt der nächste? – da raffe ich mich auf, einige Worte dazu zu schreiben.

Es gingen mal wieder die Wogen hoch – die Aktionisten, die nach mehr Kontrolle und Überwachung durch den Staat schreien und die Fatalisten, die dem Endkunden im Supermarkt die ganze Verantwortung aufbürden, und im Übrigen sei man ja selbst schuld durch sein Verhalten.

Einen netten Artikel zum Thema habe ich auf castagiro.wordpress.com gelesen, mit bedenkenswerten Ausführungen in den Kommentaren, wie es überhaupt dazu kommen konnte, und einer sehr guten Erkärung zum Thema Markenprodukt und echter/unechter Handelsmarke. Er sieht fast die gesamte Verantwortung letztendlich bei den Verbrauchern. Der Verbraucher will billig und Qualität ist eher egal, also kriegt er auch billig und genau die Qualität, für die er bezahlen will, wo ist das Problem?! (Mir stehen die Haare zu Berge…!) Lesenwert auch die da verlinkten Artikel.

Mir ist es letztendlich auch relativ egal, was in Tiefkühl Lasagne drin ist, da ich das und anderes niemals kaufe. Aber: mein Gefühl sagt mir, daß ich als Käufer doch dem vertrauen können und mich darauf verlassen können muß, was als Zutat aufgeführt und deklariert ist. Wobei gerade in Deutschland die Zutat Pferd, ähnlich wie Hund oder Katze, mit einem gewissen entsetzten Ekel besetzt ist. Daß man es essen kann, keine Frage, kann man. Aber – wenn auf der Packung als Fleischzutat Rindfleisch aufgeführt ist, dann erwarte ich Rindfleisch und – ganz ehrlich – nur Rindfleisch. Auch solche Kunstgriffe wie Deklarationen der Art „trotz aller Sorgfalt kann das Produkt Spuren und Bestandteile von Pferden, Hunden, Katzen, Bibern und Känguruhs enthalten“ würde ich weniger lustig finden. Ich vermag da keine Sorgfalt zu sehen, sondern eher eine rechtliche Absicherung der Tatsache, daß ihre Produktionsstraßen seltener und weniger gründlich gereinigt werden, als es notwendig und vertretbar wäre.

Einige Leute sagen, der Verbraucher sei durch sein Kaufverhalten selbst schuld. In Grenzen mag das durchaus zutreffen, nur hat der Verbraucher nur selten Gelegenheit, direkt eine Auswahl aus allen verfügbaren Produkten zu treffen, er ist meist an eine Vorauswahl des Einkäufers seines Ladens/Marktes gebunden (besonders all die Mini-Edekas, Mini-Rewes, Mini-Nettos, Mini-Aldis usw. die in irgendwelchen ehemaligen Tante-Emma-Läden aufgemacht wurden), der aus Platzgründen nur eine kleinere Auswahl anbieten kann. Selbst große Supermärkte haben nicht das gesamte Sortiment sämtlicher Marken im ständigen Angebot, sondern wählen im Voraus aus – der Verbraucher kann dann in aller Ruhe zwischen Sorte A und Sorte B wählen, obwohl es im Katalog noch das gesamte Alphabet gäbe. Wer also ist letztendlich schuld?

Ich bin durchaus geneigt, dem Verbraucher auch aufgrund von Faulheit und Bequemlichkeit einen Teil der Schuld aufzuerlegen. Selbst kochen hat noch keinem geschadet, es ist meist gesünder, sieht besser aus, und schmeckt auch besser. Das Märchen vom „praktischen Fertiggericht“ ist genau das – ein Märchen. Und wer hat es ihm eingeredet? Er sich selbst, was? Gutgläubigkeit und Bequemlichkeit in Verbindung mit Desinformation und weitestgehender Unselbständigkeit (man glaube es nur mit Unwillen, aber (sehr) viele Menschen sind nicht mal in der Lage, ohne Mißerfolge der einfachen, bebilderten Anleitung auf einer Puddingpackung zu folgen und genießbaren Vanillepudding zu kochen) bringen derartigen Glauben hervor, den Glauben an Zeitersparnis und Praktischsein von industrieller Tiefkühlkost. Naja. Jeder wie er möchte. Der Slogan „Geiz ist geil“ gibt leider auch das Seine dazu… auf daß der Teufelskreis sich weiterhin drehe und drehe.

Was aber tun? Hektisch Kontrollen zu fordern, am besten einen Gen-Test von allem angebotenen Fleisch, ob es tatsächlich nur Rein Rind, Rein Lamm, Rein Pferd sei? Das halte ich für absolut sinnlos. Es gibt doch ein Lebensmittelgesetz, in dem meiner Meinung nach schon alles enthalten ist, was notwendig ist. Es müßte sich nur daran gehalten werden, und zwar nach nicht dem Prinzip „es ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist“ und „ich mache, wie ich lustig bin, bis man es mir rechtskräftig verbietet“ sondern eher nach dem Motto „nur das (Beste), was mein Familie und ich selbst essen würden, biete ich an und stehe mit meinem guten Namen dafür ein“. Lindt macht es, einige Kindergläschenhersteller tun es, Dr.Oetker, um nur einige zu nennen (und bitte, falls diese auch tricksen und betrügen, ziehe ich in den Wald* um, wo er am tiefsten ist, kleide mich in Sack und Asche und lebe von nun an von Beeren, Kräutern und Pilzen 😉 )   *sich schon mal nach einem Plätzchen umsehend

War das nicht früher* mal anders? Daß der Kunde blind darauf vertrauen konnte, daß nur beste einwandfreie Lebensmittel in den Handel gelangten? Weil nur das der Ehre und Moral der Lebensmittelhersteller entsprach? Wann hat sich das nur so ins negative verschoben, wann fing es an, daß Geld verdienen und mehr Geld verdienen einen höheren Stellenwert einnehmen konnten als einwandfreie Produkte herzustellen und zu liefern? Seit auch die Deutsche Bank an der Börse mit Lebensmitteln spekuliert? Ein Skandal nach dem anderen. Ich erinnere mich an Gammelfleisch, verseuchtes Geflügel, Maul- und Klauenseuche, Rinderwahnsinn, gedopte Schweine, von Massentierhaltung unter katastrophalen Bedingungen ganz zu schweigen. Es scheint aber immer mehr Leuten mehr und mehr egal zu sein.    *ah, der umwerfend genaue Ausdruck des Wörtchens früher. Ich meine die guten alten Zeiten, als das Wort eines Mannes noch etwas galt, als er mit seinem guten Namen für sein Handeln und seine Produkte einstand – DIESE Zeiten meinte ich.

Meine Meinung: als Verbraucher und Kunde habe ich nicht die Zeit, das Geld und die Intention, jedesmal genauestens zu prüfen, ob mein geordertes Rinderhack wirklich aus Rindfleisch gemacht ist. Das kann nur eine Vertrauenssache sein. Das heißt, ich bin als Verbraucher darauf angewiesen, daß mein Lebensmittelhersteller/-händler mein Vertrauen nicht mißbraucht, sondern es als Sache seiner persönlichen Ehre ansieht, mir jederzeit zur vollsten Zufriedenheit genau das zu liefern, was angefordert, versprochen und deklariert wurde. Eine Lasagne aus Rindfleisch hat nur Rindfleisch zu enthalten, das halte ich für selbstverständlich.

Zu den Mondpreisen von 1,69 € für eine Tiefkühl-Lasagne versus 2, 79 € für ein „Marken“produkt: das finde ich absurd. Die Modalitäten der Preisgestaltung erschließen sich mir nicht wirklich, mir erscheint sowohl der eine als auch der andere Preis unverständlich (niedrig), wenn ich bedenke, was ich an Ausgaben allein für die Zutaten einer Hausmacher -Lasagne habe, und dann ist sie noch nicht zubereitet. Frisch-Lasagne aus dem Kühlregal kostet schließlich auch ein Vielfaches, und das zu Recht. Ein Preiskampf, um sich allein durch Niedrigpreise am Markt zu positionieren, kann meiner Meinung auf die Dauer nicht funktionieren. Das kann nur durch Qualität und stets einwandfreie Ware geschehen. Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich glaube an das Gute im Menschen. 🙂

Ansonsten bin ich 95%-Vegetarier, Hobbyköchin (ohne Sterne 😉 ) und habe im Leben noch nie eine Tiefkühl-Lasagne gekauft. Vielleicht sollte ich das endlich mal tun? Nur um zu probieren und damit ich weiß, wovon genau alle reden?

Mahlzeit, Sathiya

NAPCAB

Was ich heute gefunden habe! Was es nicht alles gibt, ich staune immer noch.

Die Alternative zu teuren Flughafenhotels und teuren und exklusiven VIP-Lounges – das NAPCAB. 😀 Genau. Näheres hier: http://www.napcabs.net/

In Deutschland bisher nur in München zu besichtigen und zu benutzen. Es erinnert mich leicht an die Schlafwaben in Japan. Eine Art Mini-Gartenhäuschen zum Nickerchenmachen. Oder Arbeiten. Eine Art high technology Wohn-Klo. Ohne Klo. Vielleicht sogar mit Solarium, optional? Ich glaube, ich sehe mir das mal persönlich an. Kosten ab 30€. Wäre es mir wert, definitiv! 😀

napcabs – comfort and privacy for passengers inside airport terminals Making the stay at the airport more pleasant an comfortable is the idea behind napcabs.

napcabs offer the perfect solution for passengers and airports, to enter the next level of comfort inside airport terminals.

Enabling travellers to relax and re-energize, the napcab cabins provide a private hideaway from airport hectic and noise.
Requiring only 4sqm of space the premium cabins are designed to meet
the challenges and demands of high-security transit zones in busy airport terminals.

napcabs have been successfully introduced at Munich Airport and have already proven their functionality and profitability and have been top-rated in customer-satisfaction surveys.

(Text von der Website)

Mich würde ja mal brennend die Auslastung dieser napcabs interessieren bzw. überhaupt erst einmal die Akzeptanz. Für Vielflieger, die Business class fliegen, sicher eine Alternative zur doch auch hektischen und lauten Lounge, oder auch für Leute, die sich ausruhen müssen, ohne ständig Angst haben zu müssen, daß ihnen wichtige Sachen gestohlen werden, oder für Kranke. Sowas ähnliches hätte ich auch schon auf Bahnhöfen (die ich etwas öfter frequentiere als Flughäfen) sehr begrüßt. Allerdings ist der Benutzungspreis sehr stolz, das kann und will sich nicht jeder leisten. Ein Nickerchen für 15 € die Stunde (main time) ist ganz schön happig. Ist immer noch weniger als ein Hotel in München aber trotzdem… ähm, da fällt mir eben eine neue Nutzung ein: als Stundenhotel für Straßenmädchen. Get a break – book a napcab. 🙂

Nächste Frage: Wer macht das napcab sauber und wann? Kommt jedesmal nach Benutzung eine Servicekraft und reinigt und desinifiziert? Oder einmal pro Stunde? Pro Tag? Oder ist das ein Glücksspiel wie mit den meisten öffentlichen Toiletten?

Das würde mich wirklich interessieren. LG und take a good nap, Sathiya

Reblogged: Kritik der freien Marktwirtschaft

von hier: http://uhupardo.wordpress.com/2013/02/05/die-deregulierer-haben-noch-immer-nichts-begriffen/

Eine direkte Übernahme des gesamten Textes, der einen Auszug eines dort verlinkten Filmes darstellt, uhupardos Kommentare dazu sind kursiv. Sollte ich mich mit der Übernahme des Textes zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, entschuldige ich mich und mache es auf Aufforderung wieder rückgängig. Aber dieses Thema und das Wissen um die Hintergründe sind zu wichtig.

Wenn wir auf die vergangenen zwei Jahrtausende zurück blicken, dann sehen wir, dass es in 1.800 dieser 2.000 Jahre konstant zwei überragende Wirtschaftsräume gab: China und Indien. Erst vor 200 Jahren übernahmen Europa und später die USA die Führung. Weltgeschichtlich betrachtet sind diese 200 Jahre eine historische Anomalität. Und wie alle Anomalitäten wird auch diese ein natürliches Ende finden.
Vom 18. bis ins frühe 21. Jahrhundert lebten wir in einer einzigartigen Situation, in der wir, der Westen, die anderen mit einem Gefühl der Überlegenheit betrachteten. China, als Erbe der grossen Kaiserreiche, ist dabei, seinen Platz in der Geschichte wieder einzunehmen.
Globale Probleme verlangen globale Lösungen. Es gibt keinen anderen Weg, die Probleme dieser Welt zu lösen. Früher, als es 192 einzelne Länder gab, war es, als seien wir in 192 einzelnen Booten unterwegs. Da brauchte es Regeln, damit die Boote nicht zusammenstiessen. Das war die alte Ordnung. Heute, durch die Globalisierung, ist die Welt geschrumpft und wir sitzen alle im selben Boot. Das heisst, wir leben nicht mehr auf 192 Booten sondern in 192 Kabinen auf demselben Boot.
In den vergangenen 30 Jahren haben die Globalisierer der gesamten Menschheit die selbe deregulierte utraliberale Marktwirtschaft aufgezwungen – und die anderen waren eben Globalisierte. Man hat uns das Blaue vom Himmel versprochen und immer wieder erzählt, durch die Globalisierung würden alle glücklich.
Alles begann Ende der 70er-Jahre, als die britische Premierministerin Margaret Thatcher eine radikal-liberale Politik einführte, die von den Thesen des Ökonomen Friedrich Hayek inspiriert war. Die Vorstellung, die Marktwirtschaft sei etwas Naturgegebenes, ist alt. Ihre aktuelle dereglementierte Form hingegen ist neu. Die Ultraliberalen reduzierten den Einfluss des Staates und vergassen dabei, dass der Wohlstand der drei Nachkriegsjahrzehnte einer von den jeweiligen Regierungen gesteuerten Wirtschaftspolitik geschuldet war.
Gleich nach ihrer Wahl im Mai 1979 setzt Thatcher eine ganze Reihe von ultraliberalen Reformen durch. Gefolgt von Ronald Reagan, den Milton Friedman berät, der Gründer der Chicagoer Schule, der den Lehren Friedrich Hayeks nahe steht.
Ronald Reagan betet das Credo dieser neuen quasi-Religion vor: “Der Staat ist nicht die Lösung unseres Problems, der Staat ist das Problem.” – Das Bündnis Thatcher-Reagan wird die Welt verändern. Ihre Politik öffnet die Schleusen eines Stroms, der in die globalisierte Wirtschaft mündet und die Finanzwelt begeistert. Sie erlebt bis 2007 eine beispiellose Entwicklung und wähnt sich in einem Schlaraffenland des Geldes.
Die Botschaft des Liberalismus wandert vom einen zum anderen. Ein einziger Slogan “Es gibt keine Alternative zum deregulierten Markt” fegt durch die Hirne wie ein ideologischer Reisigbesen. Die Wunderformel lautet: Um zu modernisieren, muss man dereglementieren, privatisieren, Gesetzestexte und Arbeitsrecht entstauben. Dann wird das Geld der Reichen am Ende auch bei den Bedürftigen ankommen. Als wäre die Effizienz des deregulierten Marktes ein Naturgesetz und keine Ideologie.
Diese Losung wird zum Mantra der Wahlkämpfe, weltweit, mit der Monotonie einer Gebetsmühle. Rund um den Globus werden die Staaten gedrängt, ihre Wirtschaft zu dereglementieren. Wer zögert oder widerstrebt, gilt als wirklichkeitsfremd.
Nach Gorbatschovs Scheitern und dem Ende der UdSSR, richtet sich auf den Trümmern des Kommunismus der wilde Kapitalismus ein: Komplette Freiheit für Unternehmen, Privatisierungen, der freie Markt regelt alles. Von da an denken die Europäer, sie hätten gewonnen. Die Geschichte sei zu Ende. Sie hätten ein globales Dorf errichtet voll fernsehender Verbraucher mit gleichen Empfindungen, gleichen Reaktionen und gleichen Verhaltensmustern. Der Ultraliberalismus triumphiert. Der Markt befreit sich von seinen Fesseln. Der Bürger ist nur noch ein Verbraucher, auf der Suche nach dem nächsten Schnäppchen.
Mehr, immer mehr, noch mehr konsumieren. Es ist ein Rausch. Da taucht einer auf, der als wahrer Zauberer gilt: Alan Greespan, der neue Vorsitzende der US-Notenbank. Er wird 1987 von Ronald Reagan ernannt und von allen nachfolgenden Präsidenten bestätigt. Er ist ein Jünger Milton Friedmans und wie jener der Ansicht, man dürfe die Märkte nicht einengen: “Eine Kontrolle des Handels mit Derivaten, wenn er privat von Spezialisten abgewickelt wird, ist unnötig. Eine Kontrolle, die keinem Zweck dient, hindert die Märkte daran, den Lebensstandard zu erhöhen. Wer sich für ein Kontroll-Regime entscheidet, sollte wissen, dass kein System unangemessene oder illegale Handlungen komplett ausschliessen kann.”
Alle waren zu diesem Zeitpunkt des kollektiven Optimismus sicher: Die liberale Demokratie ist das beste aller Systeme. Sie hat definitiv gewonnen! Die Geschichte ist an ihrem Ende angekommen. Der Westen hat den Kalten Krieg gewonnen und ist nun bestimmt, die Menschheit zu führen. Was für eine vermessene Haltung!
Zu diesem Zeitpunkt wurde der Euro eingeführt. Die Einführung einer Einheitswährung war damals für die Europäer ein Riesenschritt in monetärer Hinsicht. Aber nicht nur. Es war auch ein Schritt in einem historischen Abenteuer: Der Errichtung eines neuen Europas, einer Art moralischer Supermacht, die mit ihrem ganzen Gewicht auf das Weltgeschehen Einfluss nehmen würde.
Zeitgleich mit dem Durchmarsch der Ultraliberalen revolutionieren die neuen Technologien die Kommunikation und versprechen dem Einzelnen eine Art “Allgegenwart”. Ganz so wie das Kino Hollywoods, die Traumfrabrik des 20. Jahrhunderts, den american-way-of-life verbreitet hat, machen Vereinheitlichung und Beschleunigung aus den vielen Ländern unserer Welt eine grosse Informationsgesellschaft.
Die Abkopplung der Finanzwirtschaft von der sogenannten Realwirtschaft vollzieht sich in atemberaubenden Tempo. Das Ergebnis: Eine Finanzsphäre ohne jeden Bezug zu den Notwendigkeiten von Wirtschaft und Produktion – die sogenannte Casino-Wirtschaft.
Ob nun rechts oder links, die globale Marktwirtschaft ermöglicht Spekulationen, die mehr mit einer Lotterie zu tun haben als mit den Realitäten der Wirtschaft. Wobei einer natürlich mehr gewinnt als andere. Aber mit der Zauberformel “win-win” wird jeder Vorbehalt hinweg gefegt. Da war viel Illusion im Spiel, um nicht zu sagen Lüge – und das sollte man bald zu spüren bekommen.
In den USA eröffnet Wal-Mart, das grösste Unternehmen der Welt, das Rennen um den niedrigsten Preis. Jeder gewinnt, allen voran die Verbraucher, heisst es. Nur beinhaltet der Sturz der Preise auch Auslagerung der Produktion nach China, Entindustrialisierung der Vereinigten Staaten. Am Ende haben die Niedrigstpreise einen Teil der westlichen Industrie ruiniert.
In den späten 70er-Jahren kehrt sich das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit um. Das Kapital gewinnt, und die Gewinne der Aktionäre steigen ins Unermessliche, während das Einkommen der anderen, der Durchschnittslohn der amerikanischen Verbraucher, stagniert. Weil nun aber die Verbraucher der USA keine Kaufkraft mehr haben und die amerikanische, aber auch die Weltwirtschaft ins Stocken gerät, müssen eben alle Regeln, alle Vorsichtsmassnahmen über Bord. So beginnt das Rennen in die Verschuldung, das bis zur Krise 2007/2008 andauern wird.
Und so wird mit Erfolg alles dafür getan, auch die ärmsten Amerikaner davon zu überzeugen, auch ein Haus auf Kredit zu kaufen. Während jener zügellosen Jahre des Wachstums auf Kredit, wurden alle, die sagten “das kann nicht so weitergehen, das ist zu riskant”, als Spielverderber abgetan.
Provisionsabhängige Agenten vermitteln Bankkredite an insolvente Amerikaner, die damit ein Haus kaufen. Als Deckung des Kredits dient eine Hypothek auf das Haus. Dabei wird vorausgesetzt, dass, in einer spekulativen Wirtschaft, der Wert des Hauses steigt. Und die Hauskäufer glauben guten Gewissens, dass sie ihren Kredit zurückzahlen können.
Um diese gefährlich unbezahlbaren Aussenstände möglichst weit zu splitten, werden die Schulden in komplexen Finanzprodukte verbrieft, also endlos weiter geschickt. Gleichzeitig schliessen die Banker Versicherungen ab, um sich vor dem Ausfall ihrer eigenen Schöpfungen zu schützen. Manche gehen sogar soweit, gegen ihre eigenen Produkte und ihre Versicherer zu spekulieren – und werden immer reicher, selbst wenn der Wert ihrer Papiere ins Bodenlose stürzt.
Das absolut Erstaunliche bei diesem Phänomen: Die Regeln, die selbst die Bankiers der Lombardei im 13. Jahrhundert kannten, wonach eine Bank nicht beliebig viel verleihen darf, sondern nur entsprechend den Eigenmitteln, die sie im Depot hat, all diese Regeln wurden beiseite gefegt.
Alles hat ein Ende! Im Juli 2007 brechen drei Hedge-Fonds der amerikanischen Investment-Bank Bear Stearns zusammen. Am 19. Juli 2008 werden die Manager von Bear Stearns festgenommen. Ein isoliertes Ereignis heisst es, das die Märkte insgesamt nicht gefährden kann. Am 15. September 2008 übernimmt die amerikanische Regierung das trudelnde Bankhaus Merryl Lynch. Lehman Brothers dagegen werden fallen gelassen. Das geflügelte Wort “Too big to fail” hat sich zum ersten Mal nicht bestätigt. Die US-Regierung hatte schon so viele Gift-Papiere übernehmen müssen, dass klar wurde, dass man nicht in allen Fällen so würde reagieren können.
Weil die giftigen Papiere, ausgehend von den USA, längst im Tresor praktisch jeder Bank angekommen waren, ganz egal wo auf der Welt, war die Entwicklung vorgezeichnet.
Die Folge: Panik im weltweiten Finanzsystem und eine immer weiter um sich greifende Vertrauenskrise. “Viele Leute glauben, die Krise begann mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008, aber das war nur eine Folge, nicht die Ursache. Es war ein Meilenstein des Zusammenbruchs, aber nicht das grosse Ereignis.”
Mit der Pleite von Lehman Brothers beginnt die Kettenreaktion. Der US-Staat pumpt 700 Milliarden Dollar in die Finanzmärkte, um das System zu retten. Die toxischen Papiere wandern aus den Depots der Privatbanken in öffentlichen Besitz. Trotzdem weitet sich der Flächenbrand aus: Vom Finanzsektor auf die Gesamtwirtschaft, von den USA nach Europa, trifft Gesellschaft und Politik gleichermassen.
Danach kommen die wichtigsten Regierungen zwischen 2008 und 2009 eilig und mehrmals zusammen, pumpen unter Zeitdruck viele Milliarden öffentlicher Gelder in die Banken, um der Katastrophe zu entgehen. Gigantische Konjunkturprogramme! Das treibt die Staatsschulden in die Höhe. Banken müssen ihr Eigenkapital erhöhen. Steuerflucht soll schärfer verfolgt werden.
Der Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern der Deregulierung spitzt sich zu!
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Und da fängt es nun an, wirklich pervers zu werden. Diejenigen, die an dem gesamten Schlamassel die Hauptschuld tragen, die ultraliberalen Deregulierer, sind nicht nur weit davon entfernt, ihren Fehler einzusehen und verschämt in der intellektuellen Höhle zu versinken, aus der sie nie wirklich entkommen sind. Ganz im Gegenteil bestehen zum Beispiel solche unsäglichen Formationen wie die Splitterpartei FDP oder die neu gegründete “Partei der Vernunft”, die ihrem eigenen Namen Hohn lacht, auf mehr und noch mehr Deregulierung und verschärftem Kannibalenkapitalismus.
Sie nennen es “Freiheit” und meinen doch nur die Freiheit der “Märkte”, das Recht des Stärkeren. Rücksichtslosigkeit als politisches Konzept, zerstörerische Deregulierung als heilsbringende Ideologie. Aus gehabtem Schaden rein gar nichts gelernt, nicht einmal ansatzweise irgendetwas begriffen.
Es gibt keine “Euro-Krise”, schon lange keine “Schuldenkrise”! Nicht einmal eine “Krise” gibt es, denn das wäre ein Phänomen, das vom Normalzustand abweicht und vorübergeht. Das aktuelle Desaster allerdings wird bleiben, weil es ein sehr deutlich definierbarer Webfehler des Systems ist. Aus der privaten Verschuldung von Casino-Zockern wurde durch ultraliberale Deregulierungswut eine nicht mehr zu bewältigende öffentliche Verschuldung – in den USA, und davon ausgehend in Europa.
Das ist der Hintergrund, warum es Griechenland so schlecht geht und Portugal, Zypern und Spanien. Und ja, auch Deutschland, wenn die missliche Lage nicht ständig durch scheinheilige Botschaften und falsche Zahlen maskiert würde. Jetzt soll (muss – unverzichtbar) die öffentliche Verschuldung mit Gewalt gesenkt werden, indem die Bevölkerungen ganzer Länder verarmt werden: “Strukturreformen” nennt man das – und meint Lohnsenkungen, Kürzungen und Streichungen öffentlicher Leistungen in allen Bereichen.
Nirgendwo haben die Menschen, zumindest nicht die breite Masse, “über ihre Verhältnisse gelebt”, wie man ihnen immer wieder einreden will! Wilde gewissenlose Zocker haben das allein verursacht, aktiv unterstützt und legalisiert von ultraliberalen Deregulierern, die bis zum heutigen Tage lauthals beweisen, dass ihnen die nötige Intelligenz für Analyse und die Fähigkeit fehlen, aus gehabtem Schaden Lehren zu ziehen.
Immer mehr insolvente Menschen begehren jetzt auf, verstehen, dass sie Opfer sind. Ausserdem säuft nun überall die Realwirtschaft logischerweise ab, weil die Menschen kein Geld mehr haben und die Nachfrage im Keller ist. – Und die Banken? Machen immer so weiter, leihen sich billiges Geld bei der Zentralbank und machen blendende Geschäfte, indem sie verschuldeten Ländern Geld leihen. Niemand setzt diesen fatalen Kreislauf ausser Kraft, niemand legt den “Finanzmärkten” den lang überfälligen Maulkorb an. Immer noch, und jetzt sogar wieder verstärkt, werden Luftpapiere (Derivate) verkauft.
Die zerstörerische Energie der Deregulierer muss ausgebremst und eliminiert werden. Sofort! Oder wir werden die Karre innerhalb kürzester Zeit vor die Wand fahren. Wenn Kapitalismus überhaupt funktionieren kann – woran durchaus jeder Zweifel angemeldet werden muss! – dann nur in einem gesellschaftspolitisch definierten klaren Konzept, innerhalb klarer Regeln, die strikt durchgesetzt werden müssen. Wenn lobbygestützte Politiker dazu nicht in der Lage sind, werden wir es selbst tun müssen. Um jeden Preis!
Einer hat es immerhin schon begriffen. Alan Greenspan, die Gallionsfigur der ultaliberalen Deregulierer: “Jeder braucht eine Ideologie, sonst kann er nicht leben. Ich bin deswegen so geschockt, weil ich 40 Jahre lang der Meinung war, meine würde funktionieren.”

Haarsträubend. Mir geht es gerade wirklich schlecht. Auch ich habe jahrelang geglaubt, was mir gesagt wurde, und alle meine Zweifel wurden mit dem Hinweis „das sei so, das gehöre so, und ich wolle doch nicht so rückständig sein, die freie Marktwirtschaft, die doch so sozial sei, kritisieren und mir gottbehüte den Sozialismus wieder zurückwünschen?!“ Die Hintergründe der momentanen Krise aufgedeckt und mit Namen benannt, es ist ja nicht so, daß keiner der Entscheider Bescheid wüßte, und sie tun es trotzdem – selbst wenn nur ein kleiner Teil wahr wäre – das ganze System gehört hinterfragt und zwar bis aufs Fundament. Den Artikel gründlich lesen, den Querverweisen folgen und mal selbst nachdenken, ohne den eingefahrenen Bahnen zu folgen.                   Grüße, Sathiya