Anti-Schrei

Eigentlich wollte ich zu diesem Thema den Mund halten und mal nichts sagen. Aber dann fand ich diesen Beitrag hier: einen erstaunlich unaufgeregten Artikel über den allgemein durch die Blog-Sphären hallenden „Aufschrei“ empörter Frauen, die sich zur Wehr setzen dagegen, tatsächlich oder vermeintlich als (Sex)Objekt behandelt zu werden. Ich erspare mir eine Liste der Blogs und anderer Internetmedien zum Thema, wer sucht, der findet, das ist diesmal gar nicht schwer…
Inspiriert von hier: philippe-wampfler.com/2013/01/25/zwei-bemerkungen-zum-aufschrei/
Mit dem Titel „Aufschrei“ verbinde ich etwas anderes, als die meisten Frauen. Und zwar gibt es ein Buch dieses Namens, das von einem Mädchen handelt, das schon als Kind von ihrem Vater sexuell mißbraucht wurde und deshalb eine Persönlichkeitsspaltung erlitt. Äußerst schockierend, drastisch und in keiner Weise mit den meisten vergleichsweise harmlosen Übergriffen, die wütend-empört geschildert werden, zu vergleichen. Aber das nur am Rande.
Ich behaupte einfach mal – und lehne mich damit vermutlich weit aus dem Fenster – das Ganze ist eine Folge der allgemeinen Laissez-faire oder antiautoritären Erziehung in Familie, Schule und Medien und der kommerziellen Sexualisierung der Gesellschaft der letzten Jahrzehnte. Vielleicht bin ich ja auch altmodisch erzogen bzw. von altmodischen Ansichten – aber diese haben mir derartige Erlebnisse weitgehend erspart und wo nicht,  mich nicht derart in meinem innersten Ich geprägt und verletzt.
Ein Mensch mit guter Erziehung (altertümlicher Ausdruck: „Kinderstube“) wird sich nicht daneben benehmen, weil er/sie weiß, was sich gehört. Dazu gehört sowohl Frauen nicht als Objekt zu betrachten – egal, wieviele halb-dreiviertel-nackte Blondinen von den Titelblättern lächeln – als auch – Frauen, das gilt euch – sich nicht als Objekt darzustellen (Minirock, mehr als offenherzige Kleidung, laszives Benehmen, um Mitternacht an einer Bar rumhängen). Kaum eine/einer weiß noch, was sich gehört, wie man/frau sich korrekt benimmt, was man /frau wann wie sagt und tut. Was sagt Herr von Knigge dazu?
Nichts, der Ärmste konnte sich in seinen kühnsten Träumen ein derartig freizügiges Benehmen, wie es heute üblich ist, nicht vorstellen.
Ein neuer Benehmenskodex müßte etabliert werden, und das schnell.
Wie man/frau sich benimmt wann/wo/wie/wem gegenüber, wird leider weder von Familie noch Schule noch Gesellschaft gelehrt, ein Fach „Etikette“ gibt es nicht. Wäre aber dringend notwendig, wenn ich mir die überbordenden Reaktionen der Frauen und teilweise extremen Gegenreaktionen der Männer so ansehe. Ein klassisches Kommunikationsproblem, um es mal auf modern-deutsch auszudrücken.
Es herrscht eine allgemeine Unsicherheit höchster Stufe, wie man/frau seinen/ihren Mitmenschen begegnet. Wann ist ein „Guten Tag“ einfach nur ein höfliche Floskel, wann eine Beleidigung, und wann eine Anmache? Darf ein Mann eine Frau ansprechen, wenn sie es nicht wünscht? Wie zeigt, sie, daß sie eine Anrede wünscht? Wie darf eine Frau einen Mann ansprechen, ohne sich deswegen gleich ein „verfügbar“ auf die Stirn zu malen? Ich bin ratlos. Die üblichen Regeln normaler Höflichkeit scheinen auf einmal nicht mehr zu gelten, das Gefühl für Anstand, Sitte und Moral hat sich anscheinend grundlegend gewandelt und die alten Regeln gelten nicht mehr. Was also tun???
Wie wäre es damit: eine neue Etikette-Fibel wird entwickelt und auf den Markt gebracht, dazu verpflichtende Einführung des Faches Etikette in Schule und Berufsausbildung. Gute und hervorragende Etikette-Kenntnisse und Fähigkeiten werden zur Voraussetzung für die Zulassung zum Hochschulstudium sowie zur Zulassung zu politischen Ämtern gemacht. Es wird vermutlich eine Kontrollinstanz erforderlich sein, eine Art Sittenpolizei, aber anders als bisher. Eine Art Etikette-Führerschein vielleicht? 🙂 Etikette-Fahrschulen, zum Auffrischen für Erwachsene? (Nein, das meine ich nicht wirklich ernst, aber daß solche Ideen entstehen, zeigt doch, daß da was im Argen liegt.)
Neuer Knigge – demnächst hier im Blog. Vorschläge – ernstgemeinte, nachvollziehbare, korrekte, durchdachte – willkommen!
Grüße, Sathiya

 

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4 Kommentare zu “Anti-Schrei

  1. Es kann ja diese Etikette-Fibel nicht wirklich geben: Jeder Mensch hat ein eigenes Empfinden für Angemessenes und Unangemessenes. Erschwerend kommt hinzu, dass sich dieses Empfinden kurzfristig, mittelfristig und langfristig ändert: kurzfristig mit der Tagesform, mittelfristig mit der Entwicklung des Umfelds und langfristig mit den geänderten Lebenseinstellungen.

    Ich sehe in diesem #aufschrei viele legitime Forderungen und Anliegen. Ich sehe aber auch ein gewisses Maß an Doppelmoral. So gibt es bekanntlich die Leitlinie: Niemand soll aufgrund seines Aussehens diskriminiert werden. Oft wird der Fachbegriff Lookism verwendet, wenn man diese Art der Diskriminierung und stereotypen Behandlung thematisiert.

    Viele #aufschrei-Beteiligte würden eine gesellschaftliche Leitlinie gegen Lookism vermutlich sofort unterschreiben, weil sie nicht aufgrund ihres eigenen Äußeren diskriminiert werden wollen.

    Wo bleibt aber der Protest, wenn Herrn Brüderles Aussehen thematisiert wird? Wo blieb der Protest, als im Sommer 2012 die Sportlerin Nadja Drygalla für ihr Aussehen diskreditiert wurde?

    Vielleicht noch einige Worte zum guten Benehmen: Auf der größten Einkaufsstraße unserer Stadt finden von Frühjahr bis Herbst immer wieder Junggesellinnen- und Junggesellen-Abschiede statt. Man kennt das ja: Gruppen von mehr oder weniger alkoholisierten, verkleideten und geschminkten jungen Leuten ziehen durch die Gegend und erfreuen die Passanten mit mehr oder weniger gelungenen Einlagen.

    Früher haben sich vorwiegend die jungen Männer mit Zoten und Anmache der Passantinnen hervorgetan. Heute stehen ihnen die jungen Frauen in dieser Beziehung kaum noch nach: Sie kommentieren genauso freizügig und ihre Zoten sind nicht weniger saftig.

    • O tempora, o mores! oder so ähnlich.
      Die Etikette-Fibel würde natürlich beide Geschlechter betreffen, denn das Benehmen des einen ist mehr oder weniger ein Spiegelbild des Benehmens des anderen… aber es ist wirklich schwierig. Die Jungegesellinnen sind mir auch schon extrem (und negativ!) aufgefallen – eine blöde Modeerscheinung ist das, wirklich. Ich weiß nicht, was sie dabei finden? Männnliche wie weibliche Teilnehmer?! 🙂

      Allgemeinverbindliche Normen müßte vielleicht eine Ethik-Kommission aufstellen, meinetwegen auch aus Freiwilligen bestehend, und ich wäre sofort dabei.
      Wobei – ein Regelwerk gäbe es ja schon – den guten alten Knigge. Ein bißchen entstauben, modernisieren, und einem guten formvollendeten Benehmen abseits der Operngala auch im Alltag steht nichts mehr im Wege… 😉 ich weiß, ich bin eine Träumerin. Aber einen solchen Unterricht würde ich noch vor Religion stellen, ganz ehrlich. Das allgemeine Benehmen im Alltag ist wirklich unter aller Kanone (Kraftausdruck zensiert 😉 ).

      Danke für Deine Meinung! 😀 Lg, Sathiya

      • Ich wollte gar keinen Kommentar über die schlechten Zeiten und die lausigen Sitten schreiben 😉

        Mir ging es nur darum, dass die Sprüche, die Brüderle gesagt haben soll, neben den allwöchentlichen Junggesell(inn)en-Zoten in den Fußgängerzonen einfach nur marginal erscheinen. Man muss doch die Dinge systematisch einordnen. Es wird zur Zeit über viele schlimme Übergriffe berichtet. Aber der Brüderle hat sich gegenüber dieser Journalistin nichts von alledem zuschulden kommen lassen. Deshalb ist diese alte Begebenheit der denkbar schlechteste Anlass, über verbale und physische Gewalt gegenüber Frauen zu diskutieren.

        In einer weitgehend permissiven Gesellschaft sitzen die Worte locker. Wären wir in einer weitgehend repressiven Gesellschaft glücklicher?

        • Nein, nicht? 😉
          Ich habe der Brüderle-Story eher weniger Aufmerksamkeit geschenkt, weil ich dachte – na, spätabends an einer Bar, da führt man eh keine Interviews, die Journalistin habe Brüderles Fehlverhalten zum Teil selbst zu verantworten – und habe drumherum gelesen, bis ich es nicht mehr ignorieren konnte.
          Ich glaube vielmehr, die story war Trigger dafür, daß sich sehr viele Frauen das erste mal so richtig hörbar über den täglichen Wahnsinn von verbaler und physischer Gewalt geäußert haben. (Ob nun gleich der Begriff „Aufschrei“ angemessen war, darüber bin ich mit den Initiatorinnen nicht einer Meinung, aber ich denke, daß sich eine unglaubliche Wut da Bahn gebrochen hat und immer noch bricht.)

          Im Vergleich zu den Zoten der Junggesellinnen und -gesellen war das vermutlich harmloser – aber er ist eine Machtperson, das wichtet es möglicherweise schwerer. Ich tu mich aber leider etwas schwer damit, das eine mit dem anderen zu vergleichen.

          Einen sehr guten Artikel zum Thema habe ich eben gefunden, verfaßt von einem Mann. Lesenswert. (darin sind auch Links zu den wichtigsten Artikeln dazu eingeschlossen)
          http://introterrestrial.wordpress.com/2013/01/27/eine-maennliche-stimme/

          Ob die B.-Story sich so zugetragen hat oder nicht – welche Begebenheit wäre dann ein Anlaß, um über das Grundproblem an sich zu diskutieren? Die story der kürzlich an den Folgen der Vergewaltigung verstorbenen Inderin? Den alltäglichen Sexismus, dem jede Frau ausnahmslos ausgesetzt ist, seit mehr und mehr nacktes Fleisch von allen Illustrierten-Titelblättern quillt? Sorry, das war unfair, nehme ich zurück. Was denn dann?
          Aber wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?

          Locker sitzende Worte – ich habe nichts gegen den einen oder anderen Scherz, auch zweideutig, aber wenn permissive Gesellschaft bedeutet, daß die Leute jeden Sch—, der ihnen in den Sinn kommt, umgehend aussprechen, ihre niedersten Gelüste in derbsten Straßenjargon kleiden – na, da wäre es erst recht höchste Zeit für einen neuen Knigge. Das würde ich jetzt aber nicht als repressiv bezeichnen, sondern als gute Kinderstube. (Und niemand will noch einmal in einer repressiven Gesellschaft leben, davon hatte speziell ich in der DDR mehr als genug. )

          Mir wäre nach einer humanistisch aufgeklärten Gesellschaft – Achtung und Respekt vor jedermann und jederfrau. So wie man/frau selbst behandelt und geachtet werden möchte, soll man/frau den/die anderen ebenfalls behandeln und achten. Es ist eigentlich ganz einfach…

          Danke für Deinen Beitrag. Er beleuchtet das Ganze wieder von einer anderen Seite. Hoffentlich finden wir alle einen Weg, uns aus dem Dilemma zu befreien.
          Viele Grüße, Sathiya

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