Vereinzelung

Dieser Post liegt schon seit einer Ewigkeit in der Warteschleife, ohne daß ich mich entschließen konnte, ihn zu veröffentlichen. Ich glaubte immer, ich sei zu empfindlich, würde es zu überspitzt sehen, zu engstirnig, nicht flexibel genug. Doch nun – Weltuntergang fast vorbei, Weihnachten steht vor der Tür und das Leben geht weiter, business as usual: Vereinzelung.
Darüber habe ich nachgedacht, seit ich ein Teenager war. Als Einzelgänger und Eigenbrötler aus Neigung habe ich dazu vielleicht einen anderen Blickwinkel, weil ich mich immer nach dem Aufgehen in und Teilhaben an einer Gemeinschaft gesehnt habe, und mich nie gut genug oder lange genug anpassen und integrieren konnte.
Die Menschen kommen mir so vereinzelt und isoliert vor. Die meisten davon nicht aus Neigung oder wegen äußerer Umstände, sondern absichtlich und gewollt.
Das moderne Wort dafür lautet wohl Cocooning, sich abkapseln, sich in sich selbst und die eigene kleine Welt zurückziehen, sich verschließen, sich nur mit eigens gewählten Menschen umgeben und mit privaten Reizen fluten.
Kopfhörer, Handy, Spiele, Sonnenbrillen, schallisolierte Autos, schallisolierte Wohnungen, blickdichte Fenster, abgeschottete Häuser und Gärten. Abgewandter Blick bei zufälliger Begegnung, Desinteresse. Oberfächliche unverbindliche Gespräche (eher wechselseitige Monologe oder kürzeste Wortwechsel, auf Effizienz und Schnelligkeit getrimmt), die fast nur aus Phrasen bestehen, ohne sich wirklich was von Belang mitzuteilen oder sich gegenseitig zuzuhören. Unverbindlichkeit, kalte Höflichkeit, Lächeln nur auf Rechnung.
Aggressivität, unangemessenes Verhalten, rüpelhaftes rücksichtsloses Benehmen, Unverschämtheit sind die Kehrseiten (und anderes).
Mit dem Aufschwung der Städte, des Industrie und des Handels und der schwindenden Bedeutung der Landwirtschaft setzte die Vereinzelung ein, vor etwa 150 Jahren schon. Ist das lange genug, um darauf eine Tradition zu begründen? Der Arbeitsschwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Städte. Hungersnöte, Seuchen, Kriege. Familien wurden auseinandergerissen und fanden sich nie wieder zusammen.
Mit der beginnenden Neuzeit und zunehmender Industrialisierung in globalem Maßstab wurde immer mehr Mobilität und Flexibilität gefordert, man sollte ungebunden sein, jederzeit an jedem beliebigen Ort einsatzbereit sein. Der moderne Wanderarbeiter. Der moderne Großstadtnomade. Von Stadt zu Stadt.
Mir ist es selbst so ergangen. Ich wohne seit ich 19 bin, in wechselnden Städten, habe wechselnde Jobs ausgeübt, meine Kinder sind an wechselnden Orten in den Kindergarten und zur Schule gegangen, die Eltern sind in weiter Ferne … toll war das nicht. Wenn man immer der Arbeitsstelle hinterherziehen mußte… Wieso wird das eigentlich gewollt und gefördert? Welches Interesse kann der Staat haben, einen derartigen Arbeitsplatztourismus und ständigen Umzug quer durchs Land zu fördern?
Klar, es ist zum Teil auch meine Initiative gewesen – aber wenn in der einen Stadt plötzlich die Kinderbetreuung wegfällt und ich keine neue organisieren kann – dieses in einer anderen Stadt aber möglich ist… eine wirkliche Wahl hatte ich da nicht. Das Kind abschaffen, höchstens, oder von den Eltern großziehen lassen und es nur alle 2 Wochen für 24 Stunden sehen. Nein!
Das einzige, was noch halbwegs funktioniert, ist die Kernfamilie, Eltern und Kinder, aber leider nur bis die Kinder volljährig sind. Dann geht es raus in die weite Welt – meist ohne Wiederkehr. Außer dreimal im Jahr zu Besuch. Und damit man in die weite Welt hinausgeht, wird einem eingeredet, wie toll es doch sei, so mobil und flexibel zu sein, daß es genau das sei, was man sich immer gewünscht habe, unabhängig sein, sein eigener Meister zu sein… ein Trugschluß.
Unabhängig? Kein Stück – vielleicht von den Eltern, aber dafür umso abhängiger von allen möglichen anderen… und abgeschnitten von der Gemeinschaft, der Familie und damit willfähriges Opfer aller möglicher Demagogen, beliebig leicht zu manipulieren.
Alleinlebende Menschen werden irgendwann wunderlich, sie verlieren ihren Gemeinschaftssinn (oft genug, ohne es überhaupt zu bemerken) und manche nehmen sehr schnell fremde Meinungen als ihre eigenen an. Egal was für welche. Sie sind leicht manipulierbar. Oder sie entwickeln ein extrem dickes Fell, werden zynisch, egoistisch, fatalistisch.
Ehen heutzutage werden ja meist noch schneller geschieden als geschlossen, das „Bis der Tod euch scheidet“ hält schon lange nicht mehr so lange wie zu Zeiten meiner Großeltern und Eltern (die dieses Jahr ihre goldene Hochzeit gefeiert haben). Dann steht man da: Ehescheidung bzw. Beziehungs-Aus – das Leben ist auseinandergebrochen, und es ist nicht viel übrig. Die gemeinsamen Freunde – waren eben nur die gemeinsamen Freunde..
Schlagworte der Moderne:
„Das mußt du aber allein schaffen.“ „Selbständigkeit“, „auf eigenen Füßen stehen“, „unabhängig sein“, „Jeder ist sich selbst der nächste.“
Das sind in etwa meine Gedanken dazu. Ich komme leider nicht weiter, da ich kein studierter Soziologe oder Poitikwissenschaftler bin. Es ist nur mein Gefühl, das mir sagt, daß es so nicht richtig ist, nicht richtig sein kann.
Sathiya
Einen Text zum Thema passend auf einem links-linken Blog gefunden (der Blog an sich scheint seit drei Jahren verlassen):
kritik.blogsport.de/2009/02/23/individualisierung-die-ideologie-der-vereinzelung/  (Text von da)
Thesen zu Individualisierung, Ideologie und Klassen
Der Begriff der Individualisierung wird in den bürgerlichen Sozialwissenschaften – und zwar insbesondere in der Soziologie – als Trend der „modernen“ Gesellschaft verstanden. Gemeint ist die Entwicklung und Loslösung der Menschen von sozialen Verhältnissen und Bindungen wie Klassen, Schichten und Geschlechterrollen hin zu freien gesellschaftlichen Subjekten, die selbst Herren ihrer sozialen Realität und allgemein ihres Lebens sind. Der Begriff der Individualisierung ist unter anderem in bürgerlichen Theorien wie der Systemtheorie von Luhmann und Parsons an zu treffen und spielt dort eine zentrale Rolle. Dort gilt der Mensch im Bezug auf sein soziales Umfeld nicht als Teil gesellschaftlicher Verhältnisse, die als objektive „Macht“ das Leben der einzelnen bestimmt und determiniert sondern als frei handelndes Subjekt, das aus freien Stücken und aus eigenen Interessen in Interaktion mit verschiedenen gesellschaftlichen Systemen tritt.
In der individualisierten Gesellschaft muss der einzelne entsprechend bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in Bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen. (Irgendein Soziologe)
Im Folgenden werde ich drei kritische Thesen zum Begriff der Individualisierung formulieren und zur Diskussion stellen. Es handelt sich dabei nicht um eine „wissenschaftliche“ Auseinandersetzung mit dem Begriff, dessen Entstehung und Bedeutung. Es sollen einige Ansatzpunkte und Gedanken vorgelegt werden, die als Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung und Diskussion des Begriffs aus kommunistischer Perspektive dienen können.
1. Individualisierung ist der bürgerliche Begriff für Vereinzelung und Atomisierung. Einerseits ist der Begriff Ausdruck der Ohnmacht und Vereinzelung der entfremdeten Arbeitersubjekte in der kapitalistischen Klassengesellschaft. Andererseits handelt es sich um einen Begriff, der Ausdruck des im Kapitalismus herrschenden Konkurrenzverhältnisses ist, von dem jeder als Einzelner betroffen ist. Im Zwang der Konkurrenz ist jeder auf sich selbst gestellt: Die Lohnarbeit stellt die tägliche Reproduktion der eigenen Entfremdung dar und ist gleichzeitig Ausdruck des Kampfes um das tägliche Brot.
2. Individualisierung ist das begriffliche und bürgerliche Gegenstück zum Begriff der Klassengesellschaft. Insofern handelt es such um einen rein ideologischen Begriff, der schlussendlich darauf abzielt die realen Klassenverhältnisse zu verschleiern. Mit der Bildung von Nationalstaaten und der ideologischen und formellen Herausbildung des „gleichgestellten“ Staatsbürgers als Verschleierung von Klassenverhältnissen, erscheinen die einzelnen ArbeiterInnen nicht als Angehörige einer Klasse sondern als frei handelnde, warentauschende Subjekte.
3. Der Begriff der Individualisierung geht Hand in Hand einher mit dem bürgerlichen Begriff der Freiheit. Die doppelte Freiheit des Lohnarbeiters besteht darin über seine eigene Arbeitskraft zu verfügen und diese verkaufen zu können und andererseits frei von anderen Gütern und Ertragsquellen – also besitzlos – zu sein. Ein so genannter „Trend zur Individualisierung“ kann nichts anderes bedeuten als eine Perfektion dieser doppelten Freiheit. Durch den Begriff der Individualisierung erhält der Begriff der bürgerlichen Freiheit seine verschleiernde Krönung.
Diese drei Thesen sollen wie bereits erwähnt nur als Eckpunkte für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Individualisierung dienen. Es gibt sicherlich noch weitere Ansatzpunkte und eine Vielzahl von weiteren Thesen, die im Zusammenhang mit dem Begriff der Individualisierung und dessen Bedeutung für die kapitalistische Klassengesellschaft formuliert werden könnten. Da es sich hier jedoch nur um einen Blogeintrag handelt, denke ich dass diese drei Thesen für den Anfang von meiner Seite her genügen.
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